{"id":577,"date":"2018-09-19T14:01:00","date_gmt":"2018-09-19T12:01:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=577"},"modified":"2024-07-19T15:02:08","modified_gmt":"2024-07-19T13:02:08","slug":"daks-newsletter-september-2018-ist-erschienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=577","title":{"rendered":"DAKS-Newsletter September 2018 ist erschienen!"},"content":{"rendered":"\n<p>In wenigen Monaten wird Europa dem Ende des 1.Weltkriegs gedenken. Vor 100 Jahren ging ein Krieg zu Ende \u2013 ohne, dass deshalb in Europa Frieden einkehrte. Wir m\u00f6chten diesen Jahrestag zum Anlass nehmen, um R\u00fcckschau zu halten. Entstanden ist ein zugegebenerma\u00dfen ungew\u00f6hnlicher Newsletter: im Blick auf Ernst J\u00fcnger und sein Schicksal versuchen wir die Ver\u00e4nderungen nach zu vollziehen, die der Kriegseinsatz bei den Menschen an der Front hervorgerufen hat. Und wir blicken auf die waffentechnischen Entwicklungen, die diese Ver\u00e4nderungen gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Berichterstattung im n\u00e4chsten Monat verschoben haben wir damit die Hauptversammlung der Heckler &amp; Koch AG, die voraussichtlich am 21. September 2018 stattfinden wird. \u2013 Sollte sie nicht doch noch kurzfristig verschoben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Internetseite des <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/?page_id=145\">RIB-Archivs<\/a> k\u00f6nnen Sie fr\u00fchere Newsletter nachlesen. Hier erfahren Sie auch mehr \u00fcber unsere Unterst\u00fctzer-Organisationen.<\/p>\n\n\n\n<p>DAKS-Newsletter September 2018<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ernst J\u00fcnger und die Erinnerung an den Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Fabian Sieber<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor 100 Jahren, im August 1918, war Europa ein Schlachtfeld. Seit 4 Jahren k\u00e4mpften die Menschen gegeneinander, die Spanische Grippe breitete sich aus und die Versorgungslage in Deutschland wurde immer schlechter. Bereits am 25. August 1918 endet der Erste Weltkrieg. Zumindest f\u00fcr Ernst J\u00fcnger, der am Abend dieses Tages an der Westfront bei Bapaume in Frankreich schwer verletzt wird. Anfang September 1918 wird er in ein Krankenhaus nach Hannover verlegt, wo er noch am 22. September 1918 den Orden Pour le M\u00e9rite erh\u00e4lt und schlie\u00dflich das Kriegsende erlebt. Das Schicksal des zu diesem Zeitpunkt gerade 23-J\u00e4hrigen w\u00e4re weiter wohl keiner Erw\u00e4hnung wert, wenn der junge Offizier w\u00e4hrend des Krieges nicht ein Tagebuch gef\u00fchrt h\u00e4tte (Kiesel: Ernst J\u00fcnger, Kriegstagebuch 1914-1918, Klett-Cotta 2010), dessen Ver\u00f6ffentlichung er bereits zum Zeitpunkt der Niederschrift plante und die bereits im Jahr 1920 erfolgte. <em>In Stahlgewittern<\/em> ist das erste Buch, das Ernst J\u00fcnger ver\u00f6ffentlichte, und es ist ein Buch, das er sein ganzes Leben hindurch umkreisen sollte. Im Abstand von 100 Jahren ist J\u00fcngers Kriegserfahrung und ihre literarische Verarbeitung geeignet, die Urkatastrophe Europas im 20. Jahrhundert nachzuvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Warum bietet sich Ernst J\u00fcnger und sein Werk hierf\u00fcr besonders an? Zum einen wegen des gro\u00dfen Einflusses, den J\u00fcnger insbesondere in den 1920er und 1930er Jahren auf den Kriegsdiskurs in Deutschland und Europa aus\u00fcben sollte, zum anderen, weil J\u00fcnger im Verlauf seines Lebens selbst immer wieder R\u00fcckschau hielt und seine Erinnerungen an den Krieg aktualisierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen 1920, dem Jahr der Erstver\u00f6ffentlichung von <em>In Stahlgewittern<\/em> und 1978 erarbeitete J\u00fcnger nicht weniger als 7 Fassungen des Buches. Dabei bearbeitete J\u00fcnger den Text und passte ihn seinem ver\u00e4nderten Geschmacks- und Zeitempfinden an. Auf diese Weise ist das Buch nicht allein eine Schrift \u00fcber den Ersten Weltkrieg, sondern mehr noch ein pers\u00f6nliches Dokument, das Zeugnis \u00fcber das sich wandelnde Selbstbild eines Autors ablegt, f\u00fcr den der Krieg ein pr\u00e4gendes Erlebnis dargestellt hat und der durch <em>In Stahlgewittern<\/em> hindurch sein Selbstbild als Kriegerpers\u00f6nlichkeit entwirft und reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Art (Literatur-)Theorie, mit der J\u00fcnger dieses Vorgehen zu erkl\u00e4ren versucht, findet sich in der 1938 erschienenen, gleichfalls entsprechend bearbeiteten Neuauflage von <em>Das abenteuerliche Herz<\/em>. Dort schreibt er: <em>\u201e<\/em>Die eigenen B\u00fccher nimmt man deshalb so ungern zur Hand, weil man sich ihnen gegen\u00fcber als Falschm\u00fcnzer erscheint. [\u2026] Auch hat man das Gef\u00fchl, zu Zust\u00e4nden zur\u00fcckzukehren, die man abstreifte wie eine vergilbte Schlangenhaut. [\u2026] Dennoch ist f\u00fcr den Autor gerade die Wiederaufnahme des bereits Abgeschlossenen von besonderem Wert \u2013 als seltene Gelegenheit, die Sprache im St\u00fcck, gewisserma\u00dfen mit dem Auge des Bildhauers zu erfassen und an ihr als an einem K\u00f6rper zu arbeiten. Auf diese Weise hoffe ich noch ein wenig sch\u00e4rfer zu treffen, was den Leser vielleicht fesselte. [\u2026] Auch sind einige verbotene St\u00fccke nachzutragen, die ich damals zur\u00fccklegte \u2013 denn was die Gew\u00fcrze betrifft, so gewinnt man erst im Laufe der Zeit die sichere Hand.\u201c (J\u00fcnger: Das abenteuerliche Herz, zweite Fassung, 1938. S. 7-9.)<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcnger gesteht damit ein, dass er bei seinen \u00dcberarbeitungen von einer doppelten Intention bewegt wird. Zum einen geht es ihm darum, \u201ezu Zust\u00e4nden zur\u00fcckzukehren\u201c, die ihn einst ausgemacht haben, und diese neu zu betrachten und wie ein \u201eBildhauer\u201c zu bearbeiten. In gleicher Weise hofft er aber auch durch diese Aktualisierung das Leser-Interesse erneut zu treffen und zu fesseln. Beides gelingt ihm durch ver\u00e4ndernde Erweiterungen des urspr\u00fcnglichen Textes, also durch den Nachtrag zur\u00fcckgelegter, \u201everbotener\u201c St\u00fccke, die in die erste Fassung des Buches keinen Eingang gefunden haben, weil ihre Ver\u00f6ffentlichung als inopportun erschien. Er erweitert also den Textbestand, erz\u00e4hlt den urspr\u00fcnglichen Plot weiter und ver\u00e4ndert ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine \u00e4hnliche doppelte Intention treibt J\u00fcnger auch schon bei <em>In Stahlgewittern<\/em> an. Auf den letzten Seiten seines Tagebuchs, auf denen er bereits die Ver\u00f6ffentlichung seiner Kriegserlebnisse ins Auge fasst, reflektiert er \u00fcber den Zweck eines solchen Buches und umschreibt ihn als: \u201eDie Taten der Infantristen zu schildern, leider mu\u00df ich dabei von mir selbst ausgehen.\u201c (Kiesel, Kriegstagebuch, 2010, S. 432.) Neben der Darstellung des Gewesenen, das nicht vergessen werden soll, dient ein solcher Schreibprozess also auch der Selbstvergewisserung und der Kl\u00e4rung der eigenen Rolle innerhalb der Ereignisse. Indem er dies tut und von sich ausgeht, entwirft J\u00fcnger im Prozess des Schreibens ein literarisch verfremdetes Selbstbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist der Augenzeuge \u2013 insbesondere mit wachsendem zeitlichen Abstand \u2013 kein unbestechlicher Chronist, sondern spricht als Beteiligter auch in eigener Sache und mit eigenem Interesse. Im Hinblick auf seine Kriegserlebnisse erkennt er dabei schon im Jahr 1919: \u201eEs ist merkw\u00fcrdig, wie rasch sich die Eindr\u00fccke verwischen, wie leicht sie schon nach einigen Tagen eine andere F\u00e4rbung annehmen. Angst, Schw\u00e4che und Kleinmut hat man schon am ersten Ruheabend vergessen, wenn man den Kameraden beim Becher seine Erlebnisse berichtet. Unmerklich stempelt man sich zum Helden.\u201c (Kiesel, Kriegstagebuch, 2010, S. 432.) Trotz dieser mit dem R\u00fcckerinnern verbundenen Gefahren sucht J\u00fcnger durch die Jahrzehnte immer wieder den Austausch mit der Vergangenheit und bem\u00fcht sich, im Prozess der \u00dcberarbeitung von <em>In Stahlgewittern<\/em> zu den vergessenen Zust\u00e4nden zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcnger leistet diese Arbeit jedoch nicht einfach aus einem Interesse an einer qualifizierten Biographiearbeit heraus, sondern auch, weil er sein pers\u00f6nliches (Kriegs-)Erleben als exemplarisch genug verstand, um durch ein Erz\u00e4hlen derselben einen Beitrag zur kollektiven Identit\u00e4tsstiftung zu leisten. Unter anderem als ein solcher Beitrag wurde das Werk von Anfang an konzipiert, wie eine Notiz J\u00fcngers in den Kriegstageb\u00fcchern erl\u00e4utert. Darin entwirft er ein potentielles Vorwort, mit dem er sein Buch den Lesern empfiehlt. Er schreibt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben viel, vielleicht Alles, auch die Ehre verloren. Eins bleibt uns: die ehrenvolle Erinnerung an die herrlichste Armee, die je existiert und an den gewaltigsten Kampf, der je gefochten wurde. Sie hochzuhalten [\u2026] inmitten dieses Zeitalters des Renegatentums und der moralischen Verk\u00fcmmerung ist stolzeste Pflicht eines jeden, der nicht nur mit Gewehr und Handgranate sondern auch mit lebendigem Herzen f\u00fcr Deutschlands Sache focht.\u201c (Kiesel, Kriegstagebuch, 2010, S. 434.) J\u00fcnger, der zu diesem Zeitpunkt im Dienst der neugegr\u00fcndeten Reichswehr stand, positioniert sich damit deutlich im gesellschaftlichen Diskurs der deutschen Nachkriegszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Moment, an dem seine Arbeitsweise nachvollzogen werden kann, ist die Beschreibung der Verwundung, die er im August 1918 erhielt. \u00c4hnlich wie die sechs vorangegangenen Verwundungen beschreibt J\u00fcnger auch diese Situation in seinem Kriegstagebuch. Dies beginnt mit einer Rahmenerz\u00e4hlung, in der er das Geschehen schildert, das seiner Verwundung unmittelbar vorausging:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>Kriegstagebuch (Kiesel, S. 426)<\/td><\/tr><tr><td>Inzwischen war es 7<sup>00<\/sup> geworden. Durch die Kulisse von H\u00e4userresten und Baumst\u00e4mmen hindurch sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Sch\u00fctzenlinie \u00fcber freies Feld losgehen. Es war die 5. Komp.<\/td><\/tr><tr><td>Ich stellte im Hohlweg die Komp. rasch in 2 Gliedern auf und gab Befehl, in 2 Wellen loszugehen \u201aIch selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle\u2018.<\/td><\/tr><tr><td>Dann ging die Geschichte los. Ganz programm\u00e4\u00dfig, nur da\u00df \u201aich selbst\u2018 wie die sch\u00f6ne Befehlsformel lautet, mich pl\u00f6tzlich, zusammen mit dem Ltn. Schrader, vor der ersten Welle befand.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Er beschreibt die Situation, in der er sich wiederfindet, erl\u00e4utert, die Entscheidungen, die er trifft, um darauf zu reagieren, und wie diese Ma\u00dfnahmen umgesetzt werden. Anfangshaft finden sich schon in dieser Darstellung Formulierungen, die den Willen zu einer literarischen Form erkennen lassen. So etwa, wenn er von einer \u201eKulisse von H\u00e4userresten und Baumst\u00e4mmen\u201c spricht, wenn er seinen Befehl \u201eIch selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle\u201c als w\u00f6rtliche Rede einf\u00fcgt und diesen Einschub im weiteren Verlauf als eine \u201eBefehlsformel\u201c reflektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist nun, wie sehr er, durch die Jahrzehnte hindurch, an Formulierungen festh\u00e4lt, die er in seinem Kriegstagebuch gefunden hat. In der Ur-Fassung von <em>In Stahlgewittern<\/em> und durch alle \u00dcberarbeitungen hindurch bis zur Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1978 bleibt er dieser Darstellung und den damals gefundenen Formulierungen \u00fcber weite Strecken treu.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>Ur-Fassung (1920) (Kiesel, S. 622-624)<\/td><td>Fassung letzter Hand (1978) (Kiesel, S. 623-625)<\/td><\/tr><tr><td>Es war 7 Uhr geworden. Durch die Kulisse von H\u00e4userresten und Baumst\u00fcmpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Sch\u00fctzenlinie auf das freie Feld heraustreten. Es mu\u00dfte die f\u00fcnfte Kompanie sein.<\/td><td>Es war sieben Uhr geworden. Durch die Kulisse von H\u00e4userresten und Baumst\u00fcmpfen sah ich bei schwachem Gewehrfeuer eine Sch\u00fctzenlinie auf das freie Feld hinaustreten. Es mu\u00dfte die F\u00fcnfte sein.<\/td><\/tr><tr><td>Ich stellte meine Leute im Hohlweg auf und gab Befehl, in zwei Wellen anzutreten. \u201aAbstand 100 Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle!\u2018<\/td><td>Ich stellte die Mannschaft im Schutz des Hohlwegs zum Angriff bereit und gab Befehl, in zwei Wellen anzutreten. \u201aAbstand hundert Meter. Ich selbst befinde mich zwischen erster und zweiter Welle!\u2018<\/td><\/tr><tr><td>Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in \u00e4hnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St. Pierre Vaast, Langemarck, Passchendaele, M\u0153uvres, Vraucourt, Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest. Wir verlie\u00dfen den Hohlweg ganz programm\u00e4\u00dfig, nur befand \u201aich selbst\u2018, wie die sch\u00f6ne Befehlsformel lautet, mich pl\u00f6tzlich neben dem Leutnant Schrader weit vor der ersten Welle.<\/td><td>Es ging zum letzten Sturm. Wie oft waren wir in den verflossenen Jahren in \u00e4hnlicher Stimmung in die westliche Sonne geschritten! Les Eparges, Guillemont, St. Pierre Vaast, Langemarck, Passchendaele, M\u0153uvres, Vraucourt, Mory! Wieder winkte ein blutiges Fest. Wir verlie\u00dfen den Hohlweg wie auf dem \u00dcbungsplatz, abgesehen davon, da\u00df \u201aich selbst\u2018, wie die sch\u00f6ne Befehlsformel lautet, mich pl\u00f6tzlich neben dem Leutnant Schrader vor der ersten Welle auf freiem Felde befand.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Situationsbeschreibung gleicht sich in allen drei Fassungen bis in den Wortlaut hinein, die w\u00f6rtliche Rede, durch die er seine Entscheidungen kommuniziert, bleibt erhalten, wird aber reformuliert, damit die darin gemachten Anweisungen f\u00fcr den Leser leichter verst\u00e4ndlich werden. Neu an der Darstellung ist die \u00fcberpers\u00f6nliche Bedeutung, die J\u00fcnger dem Geschehen in den ver\u00f6ffentlichten Texten beimisst. Was mit diesen Vorbereitungen beginnt, ist nicht einfach \u201edie ganze Geschichte\u201c, wie es in den Kriegstageb\u00fcchern hei\u00dft, sondern der \u201eletzte Sturm\u201c. Dieser wird in den gro\u00dfen Zusammenhang des gesamten Kriegsverlaufes gestellt, wie ihn J\u00fcnger erlebt und im Rahmen von <em>In Stahlgewittern<\/em> geschildert hat, denn J\u00fcnger nennt die Orte, an denen er eingesetzt wurde und gek\u00e4mpft hat. Die Ortsnennung wird von J\u00fcnger durch eine deutliche (Farb-)Metaphorik (westliche Sonne: roter (Sonnen-)Untergang; blutiges Fest: rot als dominierende Farbe) erg\u00e4nzt und dadurch literarisch \u00fcberh\u00f6ht. J\u00fcnger ordnet sein eigenes Wirken damit in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang ein und seine eigene Verwundung wird zu einem Sinnbild f\u00fcr den kollektiven Untergang, denn kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Krieg war dann auch der Krieg selbst vor\u00fcber. Diese Akzentverschiebung, bei der nicht mehr sein individuelles Schicksal, sondern die allgemeine Deutung im Vordergrund steht, ist nicht einfach durch den zeitlichen Abstand zu erkl\u00e4ren, aus dem heraus J\u00fcnger <em>In Stahlgewittern<\/em> schreibt, denn auch der entsprechende Eintrag in den Kriegstageb\u00fcchern ist ja aus einem zeitlichen Abstand zum Geschehen entstanden, aus dem heraus bereits deutlich wurde, dass die Verwundung lebensbedrohend ernst war und mit einem Ausscheiden J\u00fcngers aus dem aktiven Dienst zu rechnen war. So \u00fcberrascht es nicht, dass sich solche Ans\u00e4tze zu einer \u00dcberh\u00f6hung der eigenen Bedeutung schon in seinen Tageb\u00fcchern finden, etwa wenn er nach der erfolgten Verwundung kampfunf\u00e4hig im Graben liegt und im Nachhinein die Vermutung \u00e4u\u00dfert: \u201eIch glaube, wenn ich gesund gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte die ganze Lage \u00fcberhaupt anders ausgesehen.\u201c (Kiesel: Kriegstagebuch, 2010. S. 428.) Neu ist an der Darstellung deshalb vor allem die so ausgedr\u00fcckte Allmachtsphantasie. Die Relevanz J\u00fcngers f\u00fcr das Gesamtgeschehen beschr\u00e4nkt sich hier, anders als noch in den Tageb\u00fcchern, nicht mehr auf den konkreten Kampfschauplatz, sondern umfasst das gesamte Kriegsgeschehen an der Westfront, f\u00fcr das J\u00fcnger in gewisser Weise Verantwortung zu tragen empfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem entspricht es, wenn J\u00fcnger den Moment seiner Verwundung, der in den Kriegstageb\u00fcchern knapp und fast distanziert beschrieben wird, durch die verschiedenen Bearbeitungen hindurch immer weiter ausschm\u00fcckt und literarisch \u00fcberh\u00f6ht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>Kriegstagebuch (Kiesel, S. 426-427)<\/td><td>Ur-Fassung (1920) (Kiesel, S. 622-624)<\/td><td>Fassung letzter Hand (1978) (Kiesel, S. 625-627 )<\/td><\/tr><tr><td>In einem Grabenst\u00fcck sah ich Schrader mit einigen Leuten und ging nach links, um zu verl\u00e4ngern. Ich stand gerade vor einem 50 m langem Graben, als ich einen gewaltigen Schlag vor die Brust bekam und mit der Empfindung, durch und durch geschossen zu sein, hinst\u00fcrzte. Ich raffte mich gleich wieder auf und sprang in das Grabenst\u00fcck, in dem ich seiner Schmalheit wegen nur auf der Seite liegen konnte.<\/td><td>Das Gel\u00e4nde senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem Hintergrund aus braunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine Gescho\u00dfgarben entgegen. Mich packte ein fatales Gef\u00fchl der Aussichtslosigkeit. Trotzdem begannen wir zu laufen. Mitten im Sprunge \u00fcber ein Grabenst\u00fcck ri\u00df mich ein durchdringender Sto\u00df vor die Brust aus der Luft. Mit lautem Schrei wirbelte ich um die Vertikalachse und klirrte bet\u00e4ubt zu Boden. Ich erwachte im Gef\u00fchl eines gro\u00dfen Ungl\u00fccks, eingeklemmt zwischen enge Lehmw\u00e4nde, [\u2026].<\/td><td>Das Gel\u00e4nde senkte sich. Verschwommene Gestalten bewegten sich vor einem Hintergrund aus rotbraunem Lehm. Ein Maschinengewehr hackte uns seine Gescho\u00dfgarben entgegen. Das Gef\u00fchl der Aussichtslosigkeit verst\u00e4rkte sich. Trotzdem begannen wir zu laufen, w\u00e4hrend das Feuer sich auf uns einspielte. Wir \u00fcbersprangen einige Sch\u00fctzenl\u00f6cher und fl\u00fcchtig ausgehobene Grabenst\u00fccke. Gerade als ich mich mitten im Sprung \u00fcber einem etwas sorgf\u00e4ltiger ausgestochenen Graben befand, ri\u00df mich ein durchdringender Sto\u00df vor die Brust wie ein Flugwild aus der Luft. Mit einem lauten Schrei, mit dessen Gellen die Lebensluft auszustr\u00f6men schien, wirbelte ich um die Achse und klirrte zu Boden. Nun hatte es mich endlich erwischt. Gleichzeitig mit der Wahrnehmung des Treffers f\u00fchlte ich, wie das Gescho\u00df ins Leben schnitt. Schon an der Stra\u00dfe vor Mory hatte ich die Hand des Todes gesp\u00fcrt \u2013 diesmal griff er fester und deutlicher zu. Als ich schwer auf die Sohle des Grabens schlug, hatte ich die \u00dcberzeugung, da\u00df es unwiderruflich zu Ende war. Und seltsamerweise geh\u00f6rt dieser Augenblick zu den ganz wenigen, von denen ich sagen kann, da\u00df sie wirklich gl\u00fccklich gewesen sind. In ihm begriff ich, wie durch einen Blitz erleuchtet, mein Leben in seiner innersten Gestalt. Ich sp\u00fcrte ein ungl\u00e4ubiges Erstaunen dar\u00fcber, da\u00df es gerade hier zu Ende sein sollte, aber dieses Erstaunen war von einer sehr heiteren Art. Dann h\u00f6rte ich das Feuer immer schw\u00e4cher werden, als s\u00e4nke ich wie ein Stein tief unter die Oberfl\u00e4che eines brausenden Wassers hinab. Dort war weder Krieg noch Feindschaft mehr.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Beschreibung in den Kriegstageb\u00fcchern ist die k\u00fcrzeste und neutralste. Sie beschr\u00e4nkt sich auf eine Beschreibung des Ortes, an dem die Verwundung geschieht. J\u00fcnger beschreibt, dass er sich der Schwere seiner Verwundung bewusst gewesen sei und erkl\u00e4rt, dass er sich sofort und aus eigener Kraft in Deckung begeben habe. Schon die Ur-Fassung setzt v\u00f6llig andere Akzente und bem\u00fcht sich, J\u00fcnger \u201ezum Helden zu stempeln\u201c \u2013 ganz so, wie er es auf den letzten Seiten seines Kriegstagebuchs reflektiert hat (vgl. Kiesel, Kriegstagebuch, 2010, S. 432.) In der Ur-Fassung von <em>In Stahlgewittern<\/em> wird J\u00fcnger nicht einfach in die Brust getroffen, vielmehr k\u00e4mpft er in einer unwirtlichen Landschaft, wird von Maschinenwaffen attackiert, k\u00e4mpft ein Gef\u00fchl der Aussichtslosigkeit nieder und befindet sich \u201eim Sturm nach vorn\u201c, als er im Sprung \u00fcber einen Sch\u00fctzengraben getroffen wird. Er schreit, wird von unsichtbaren M\u00e4chten herumgewirbelt, f\u00e4llt in den Dreck, verliert die Besinnung und ist sich, als er das Bewusstsein wiedererlangt, gewiss, ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck erfahren zu haben. Bis 1978 und mit wachsendem zeitlichen Abstand wird sich J\u00fcnger der Dramatik und umfassenden Relevanz des Geschehen immer bewusster. Das \u201eGef\u00fchl der Aussichtslosigkeit\u201c, gegen das der vorst\u00fcrmende J\u00fcnger ank\u00e4mpfen muss, befiel ihn in dieser Fassung schon fr\u00fcher, so dass es sich unmittelbar vor seiner Verwundung noch einmal verst\u00e4rken kann. Als er dann jedoch \u00fcber den Graben springt, wird er von einem unsichtbaren J\u00e4ger, wie ein St\u00fcck Flugwild aus der Luft gepfl\u00fcckt. Mit seinem Schrei verl\u00e4sst ihn die \u201eLebensluft\u201c und er sp\u00fcrt, dass das Geschoss \u201eins Leben schnitt\u201c. Die Empfindung \u201edurch und durch geschossen zu sein\u201c, die in den Kriegstageb\u00fcchern auch als ein Schreckensausruf gedeutet werden kann, wird in dieser Fassung jedoch zu einer Gl\u00fcckserfahrung umgedeutet. Als er im Graben aufschl\u00e4gt, hat er nicht nur das Empfinden, dass \u201ees unwiderruflich zu Ende war\u201c, sondern auch, dass es ihn \u201eendlich [!] erwischt\u201c hat. Dies ist f\u00fcr J\u00fcnger wohl auch deshalb eine Gl\u00fcckserfahrung, weil er durch diesen (Helden-)Tod seinen soldatischen Dienst vollendet. Das Horaz zugeschriebene \u201es\u00fc\u00df und ehrenhaft ist es f\u00fcr das Vaterland zu sterben \/ dulce et decorum est pro patria mori\u201c (Horaz, Carmina 3,2,13) wird von J\u00fcnger erlebt und in diesem Erleben erkennt er sein \u201e Leben in seiner innersten Gestalt\u201c. So macht seine Darstellung deutlich: Der Tod als Soldat ist die von J\u00fcnger pr\u00e4ferierte Form des Todes. Wenn es eine <em>ars moriendi<\/em> gibt, so ist es der Tod als ein angreifender Soldat gegen einen \u00fcberm\u00e4chtigen Feind, der von J\u00fcnger erstrebt und ersehnt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Darstellung des Kriegsgeschehens, das schon in der Ur-Fassung von 1920 heldisch \u00fcberh\u00f6ht wird, ist also Teil des politischen Diskurses jener Jahre, die von November-Revolution und Abdankung des Kaisers, von den Versailler Friedensverhandlungen und der Ausrufung der Republik und vor allem von b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden in Deutschland gepr\u00e4gt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere gleichfalls autobiographisch gepr\u00e4gte Kriegsb\u00fccher folgen: 1922 erscheint der Essay <em>Der Kampf als inneres Erlebnis<\/em>, 1925 <em>Feuer und Blut<\/em> und ebenfalls 1925 <em>Das W\u00e4ldchen 125<\/em>. 1930 gibt J\u00fcnger einen Essay-Band mit dem Titel <em>Krieg und Krieger<\/em> heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass seine Intention auf fruchtbaren Boden f\u00e4llt, zeigt eine Empfehlung, die das Reichswehrministerium bereits im Oktober 1921 ver\u00f6ffentlicht, in der die Anschaffung von <em>In Stahlgewittern<\/em> als Truppenlekt\u00fcre empfohlen wird (vgl. Kiesel: Ernst J\u00fcnger, In Stahlgewittern, Materialien, 2013. S. 455-456). Diese Empfehlung ist um so erstaunlicher, als das Buch zu diesem Zeitpunkt nur in einer von J\u00fcnger im Selbstverlag besorgten Auflage von 2000 Exemplaren vorliegt. Eine Neuauflage ist zwar geplant und f\u00fcr das Jahr 1922 angek\u00fcndigt, diese liegt aber zum Zeitpunkt der Empfehlung noch nicht vor.<\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Von seiner Biographie her war J\u00fcnger keineswegs f\u00fcr einen solchen Werdegang pr\u00e4destiniert und dass er einmal eine solche Relevanz f\u00fcr die \u201enationale Sache\u201c erlangen sollte, ist in der R\u00fcckschau \u00fcberraschend, wenn man bedenkt, dass J\u00fcnger im November 1913 ohne Schulabschluss von zu Hause fortlief, um sich bei der Fremdenlegion zu verpflichten. \u2013 Nur durch Intervention des deutschen Konsuls in Algerien und unter Verweis auf die Unm\u00fcndigkeit J\u00fcngers konnte er die Fremdenlegion Anfang 1914 wieder verlassen. \u2013 Nach dem Krieg, an dem er sich von Beginn an als Kriegsfreiwilliger beteiligt hatte, ist er ein national denkender Deutscher geworden. Auf den letzten Seiten seines Kriegstagebuchs schreibt er dazu S\u00e4tze, die wohl sein ganzes Leben lang ihre Relevanz behalten sollten:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaubte vorm Kriege \u00fcber dem Nationalen Standpunkte zu stehen, und stehe heute nicht darunter. Obwohl ich als 17j\u00e4hriger einstens aus Abenteuerlust zur Fremdenlegion ausri\u00df, hoffe ich doch, mehr Nationalgef\u00fchl zu besitzen, als Mancher, der sich an jedem 27. Januar [Geburtstag des Kaisers] volllaufen lie\u00df und am 9. November [Beginn der Revolution in Deutschland], ohne den Degen zu ziehen, auf den \u201aBoden der Tatsachen\u2018 stellte. [\u2026] Ich bin im Geiste des Preu\u00dfischen Offizierskorps erzogen und mit Leib und Seele Soldat. Ich habe 4 Jahre lang als Sch\u00fctze und F\u00fchrer gefochten, bin 7 mal verwundet und im Besitze vieler Orden und Ehrenzeichen, die ich an meiner Stelle erringen konnte. Wir Niedersachsen sind nicht leicht zu begeistern aber wenn wir uns eingesetzt haben, dann halten wir fest. Auch mein Herz h\u00e4ngt fest an der Sache, f\u00fcr die ich gek\u00e4mpft und geblutet habe<em>.<\/em>\u201c (Kiesel: Kriegstagebuch, 2010. S. 433.)<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde Ernst J\u00fcnger durch den Krieg zu einem Menschen, der sich in seiner Erinnerung als Held begreift, der in der Realit\u00e4t aber vor allem ein Nationalist ist. Positiv ist diese Verwandlung sicher nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Blickpunkt: (Schuss-)Waffen des Ersten Weltkriegs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Andr\u00e9 Maertens<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ersten Weltkrieg verbindet sich zumeist das Bild des Graben- und Stellungskriegs an der sogenannten Westfront, auch wenn dies nicht immer die bestimmende Form der Kriegf\u00fchrung war und in anderen Teilen Europas und der Welt keineswegs die dominierende Kampfweise darstellte. Doch muss das Ausheben von Sch\u00fctzengr\u00e4ben und ganzen Grabensystemen \u2013 zum Teil sehr komplex konstruiert und auf Dauer angelegt \u2013 als Neuheit dieser historischen Phase gelten. Sicher waren bereits im Russisch-Japanischen Krieg und auch zum Teil in den Burenkriegen im s\u00fcdlichen Afrika solche Erscheinungsformen des modernen Kriegs zu beobachten gewesen, doch in einer so gro\u00dfen Dimension und mit dieser massenhaften Zerst\u00f6rung sind der \u201etrench war\u201c und der \u201eattrition warfare\u201c erst nach den zu Beginn stattfindenden Bewegungsfeldz\u00fcgen im Ersten Weltkrieg zu beobachten. Wenn es also in anderen Kriegen vorher schon eine unglaublich hohe Zahl von Toten gegeben hatte (etwa im sogenannten Taiping-Aufstand Mitte des 19. Jahrhunderts in China mit bis zu 30 Millionen Toten), war doch dieser schwerpunktm\u00e4\u00dfig in Europa beginnende Krieg der erste, bei dem industrielle milit\u00e4rische Vernichtungskraft am Werk war bzw. von Menschen ins Werk gesetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Artillerie war dementsprechend eine der bedeutenden Waffenarten in diesem Krieg. Sie war nun ausschlaggebend st\u00e4rker als noch im Konflikt 1870\/71, in immens h\u00f6herer St\u00fcckzahl vorhanden und zwang die Soldaten in die (zum Teil) sch\u00fctzenden Bunkeranlagen und Gr\u00e4ben. Unter allen damals angewandten Waffentypen zeichnen die verschiedenen Artilleriewaffen \u2013 vor allem durch Direkttreffer, weite Splitterradien und enorme Druckwellenwirkung \u2013 mit Abstand f\u00fcr die h\u00f6chsten Todeszahlen verantwortlich (bzw. die Artilleristen tun dies). Dass es hier auch um riesige Gewinne f\u00fcr die beteiligten Stahl- und Waffenfirmen sowie f\u00fcr weitere Aufr\u00fcstungs- und Kriegsprofiteure ging (eine Konstante in der Geschichte, seit Beginn der Massenheere bis heute), muss kaum erw\u00e4hnt werden. Wo geschossen wird, wird (gestorben, jaja, aber \u201ewichtiger\u201c doch, im Sinne der betreffenden Unternehmer) Geld gemacht, mit Geschossen f\u00fcr Kanonen und Granatwerfer. Und daher \u201emuss\u201c die Kriegsmaschinerie \u2013 oder zumindest die Drohung damit \u2013 \u201eam Leben\u201c gehalten werden. Die daf\u00fcr n\u00f6tigen Feindbilder gab es damals genug, genauer gesagt, sie wurden den Menschen eingeredet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch andere Waffen wie Gas, Panzer, Kampfflugzeuge, U-Boote, von wenigen Soldaten transportierbare M\u00f6rser, Flammenwerfer und viele mehr hatten ihre Premiere eigentlich erst in jenen Jahren. Doch die tragbare Maschinengewehrwaffe war es wohl, welche die Erinnerung an diesen Krieg entscheidend pr\u00e4gte. Denn vor den Artilleriewaffen konnten sich die Soldaten, so sie denn nicht ins Feuer geschickt oder davon \u00fcberrascht wurden, verstecken \u2013 wenn die Erfahrung der Bombardierung auch ihre Psyche angriff. Sobald jedoch der Befehl zum Angriff kam, mussten sie ganz in napoleonischer Tradition zum Sturmangriff raus und \u00fcbers offene Feld auf den Feind zugehen. Und dort, im \u201eNiemandsland\u201c, erwartete sie eine beinahe aus dem Verborgenen attackierende und fast ohne Unterbrechung t\u00f6tende Waffe: das Maschinengewehr. Nur \u00e4u\u00dferst wenige Soldaten des Ersten Weltkriegs kannten diese Situation, etwa aus den MG-Eins\u00e4tzen in den Kolonialkriegen (wo die \u201eWilden\u201c zu Tausenden ohne jeden Skrupel hingemetzelt worden waren) oder in anderen asymmetrischen Eins\u00e4tzen in Europa, sodass die \u00fcberlieferte Taktik des Frontalangriffs, besser gesagt, deren beinahe stetes Scheitern f\u00fcr sie nicht verst\u00e4ndlich war. \u201eMann\u201c st\u00fcrmte \u201eehrenvoll\u201c voran, immer mit dem Gedanken, \u201ees\u201c zu schaffen, den feindlichen Graben zu erreichen und zu erobern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn man sich nun klarmacht, dass die damaligen Maschinengewehre im Vergleich zu den Fortentwicklungen im Zweiten Weltkrieg (Stichwort MG42 der NS-Wehrmacht und dessen fortgesetzte Nutzung bei der Bundeswehr) beinahe langsam schossen, dann wird einem bewusst, wie t\u00f6dlich diese sp\u00e4teren Waffen und erst recht die heutigen Maschinenwaffen sind (beispielsweise die Gatling-Maschinenkanonen oder Kettenmaschinenkanonen \/ Chain Guns, die u. a. von US-amerikanischen \u201eArtillerie-Flugzeugen \/ Gunships\u201c wie der Lockheed AC-130 abgefeuert werden). Doch die Feuerraten, etwa des deutschen MG 08\/15 (500 Schuss pro Minute) oder des franz\u00f6sischen Chauchat (\u201enur\u201c 240 Schuss pro Minute), reichten im Zeitalter des Ersten Weltkriegs durchaus aus, um unter anst\u00fcrmenden Truppen ein Massaker anzurichten (auf deutscher Seite ging es anschlie\u00dfend \u00fcber das MG34 zum MG42 mit schreckenerregenden 1200 Schuss pro Minute). Und das \u201eBeste\u201c an den neuen maschinellen Waffen ab 1914 war, dass man sie bewegen konnte. Zwar noch im Team und nicht \u2013 wie bei ihren Weiterentwicklungen im Zweiten Weltkrieg und heute \u2013 im Bedarfsfall von einem Mann, doch es ergab sich dadurch eine Flexibit\u00e4t in der Verteidigungstaktik, die station\u00e4r verwendete MG-Waffen nicht hatten bieten k\u00f6nnen. Sogenannte leichte Waffen t\u00f6teten damals (wie heutzutage) Menschen in gro\u00dfer Zahl, ohne dass der Einsatz den Schie\u00dfenden relativ gesehen viel Arbeit abverlangte. Otto Dix wollte genau diese Erfahrung machen und es ist davon auszugehen, dass er in seinem Maschinengewehrtrupp unz\u00e4hlbares Leid gesehen und auch mitverursacht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Waffe, eine \u201ekleine Waffe\u201c, bestimmte ebenfalls unser Bild vom Ersten Weltkrieg mit: die Handgranate. Ob als Angriffs- oder als Verteidigungswaffe angewandt, ob weit geworfen oder als \u201eHindernis\u201c f\u00fcr nachfolgende feindliche Soldaten liegengelassen, immer war der Gedanke der, dass man mit diesen Sprengwaffen im Grabenkampf einen wichtigen Vorteil erringen konnte. Der Gegner wurde dort \u00fcberraschend und massiv getroffen, wo man selbst nicht war. Ein Bild von Ernst J\u00fcnger, wie er mit Umh\u00e4ngetaschen voller Stielhandgranaten ausger\u00fcstet vor dem Einsatz bereitsteht, findet sich zum Beispiel in Kiesels Ausgabe seines \u201eKriegstagebuchs\u201c (S. 560).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild dieser Soldaten, die als \u201eSto\u00dftruppen\u201c bzw. \u201eSturmbataillone\u201c bezeichnet wurden, ist auch im Hinblick auf die Fortentwicklung der damaligen Faustfeuerwaffen und Langwaffen interessant: Das damals (auf deutscher Seite) \u00fcbliche Gewehr war von der schw\u00e4bischen Waffenfirma Mauser, das Modell 98. Doch es gab auch schon Karabiner-Varianten, k\u00fcrzer und im Grabenkampf etwas leichter und schneller zu verwenden. Hier entschieden im Handgemenge oft Sekunden bzw. Zentimeter dar\u00fcber, wer auf dem engen Raum zuerst den Tod bringenden Schuss, Stich oder Schlag anbringen konnte. Und so wurde der Ruf laut nach Schusswaffen, die den wieder aufkommenden Beilen, Keulen und \u00c4xten sowie Feldspaten, Grabendolchen und \u00e4hnlich antiquiert anmutenden Waffen eine effiziente Feuer- und T\u00f6tungskraft entgegensetzen konnten und auch unter diesen krassen Bedingungen einfach zu handhaben waren und zuverl\u00e4ssig funktionierten. Revolver und andere Pistolenarten schienen hierf\u00fcr zwar geeignet, besa\u00dfen jedoch nicht in gen\u00fcgendem Ma\u00dfe das, was in heutiger Zeit als \u201eMannstoppwirkung\u201c bezeichnet wird. \u201eMaschinen-Pistolen\u201c sollten diese L\u00fccke f\u00fcllen, sie sollten klein sein und eine hohe Feuerkadenz haben \u2013 doch waren die zeitgen\u00f6ssischen Modelle technisch meist noch nicht voll ausgereift. H\u00e4tte der Erste Weltkrieg noch l\u00e4nger gedauert, w\u00e4re (bei aller Skepsis gegen\u00fcber solcher \u201eKonjunktivgeschichte\u201c) die vollautomatische Kleinwaffe, etwa die deutsche \u201eBergmann MP18\u201c, sicherlich eine taktisch oder vielleicht sogar strategisch einflussreiche Waffe geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es noch bis zum Zweiten Weltkrieg dauern sollte, bis diese Art von Waffen in gro\u00dfer St\u00fcckzahl gebaut wurde und auch st\u00f6rungsfrei eingesetzt werden konnte, lag dann zumeist am Festhalten der Armeef\u00fchrungen an milit\u00e4rischen Konzepten, die eine solche Kampfweise nicht vorsahen. Neben den Weiterentwicklungen der ersten Maschinenpistolen (z. B. der robusten sowjetischen PPSch-41 mit ihrem markanten Trommelmagazin oder der in ihrer Einfachheit kaum zu \u00fcbertreffenden britischen Sten-\u201eWaffen-Familie\u201c) war es eigentlich erst der Standardeinsatz von vollautomatisch schie\u00dfenden \u201eSturmgewehren\u201c und \u201ebattle rifles\u201c, der einen bedeutenden (und blutigen!) Wandel brachte (beginnend mit Entwicklungen wie dem \u201eSturmgewehr 44\u201c und bald darauf mit den viel handlicheren Kalaschnikow-Modellen bzw. den AR-Gewehren, die meist als M16 bekannt wurden). Als die Techniker solche Waffen bauen konnten, \u201edurfte\u201c sich keine Armee, die es sich finanziell leisten konnte, mehr erlauben, bei halbautomatischen Waffen stehen zu bleiben. Das Mauser-Gewehr beispielsweise, das wie das britische Lee-Enfield-Gewehr noch eine Repetier-Waffe war, wurde damit endg\u00fcltig zu den Paradewaffen (oder aber zu den Spezialwaffen f\u00fcr Scharfsch\u00fctzen) verabschiedet, denn hier musste vor dem Schuss auf zeitraubende Weise die n\u00e4chste Patrone noch mit einem zweimaligen Bewegen des Verschlusses in den Lauf geschoben werden. Zudem waren die Ladestreifen dieser Gewehre zu kurz bzw. die Magazine zu klein, um andauernden Beschuss zu erm\u00f6glichen (Mauser-Karabiner 98k mit 5 Patronen, das sp\u00e4ter entstandene AK47 bereits ab 30 Patronen und noch dazu vollautomatisch). Das neue Credo musste sein: ein Mann = enorme Feuerkraft. Und so ist es seit jener Zeit geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich der Mauser-Karabiner trotzdem so lange halten konnte und in (West-)Deutschland erst von den CETME-Entwicklungen der sp\u00e4teren Heckler &amp; Koch-Waffeningenieure, sprich dem G3, abgel\u00f6st wurde (bzw. kurzfristig von US-Waffen und von Gewehren der belgischen Waffenschmiede FN Herstal), ist erstaunlich \u2013 ein Grund daf\u00fcr k\u00f6nnte die gro\u00dfe institutionelle Macht der Waffenhersteller sowie deren Verkn\u00fcpfungen mit Milit\u00e4rkreisen sein (d. h. Seilschaften und Korruption). Eines bleibt wichtig: Wir sollten unbedingt in Erinnerung behalten, dass sowohl die kolonialen Aggressionen, die Mordverbrechen des Ersten Weltkriegs und auch die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von Deutschen ab 1933 bzw. dann ab 1939 begangen wurden (der Holocaust \/ die Shoah, der Vernichtungskrieg ebenso wie das millionenfache Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener, die Liste lie\u00dfe sich fortsetzen), mit den von einer einzigen Waffenfirma entwickelten Schusswaffen bzw. Kleinwaffen begangen wurden: Mauser, mit Sitz in Oberndorf. Dass die heutige HK-Firmenleitung auf eine solche Vergangenheit zur\u00fcckschauen kann (und muss!) und trotzdem weiter in Waffenforschung und -handel aktiv ist, wirft ein Licht auf die dort herrschende Vorstellung von ethisch korrektem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Handeln. Sp\u00e4testens nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem franz\u00f6sischen Waffenproduktionsverbot ab den sp\u00e4ten 1940er Jahren h\u00e4tte Schluss sein m\u00fcssen. Der neuerdings in der Geschichtswissenschaft wieder vermehrt besprochene \u201eZweite Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg\u201c von 1914 bis 1945 hat in Deutschland also, was die Waffenproduktion (und die skrupellose Verbreitung durch Exporte in alle Welt) betrifft, skandal\u00f6serweise nicht geendet. Im Gegenteil. Im Grunde eine Parallele zu J\u00fcngers Schreiben: Einsicht angesichts des eigenen (Mit-)Mordens fehlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In wenigen Monaten wird Europa dem Ende des 1.Weltkriegs gedenken. Vor 100 Jahren ging ein Krieg zu Ende \u2013 ohne, dass deshalb in Europa Frieden einkehrte. Wir m\u00f6chten diesen Jahrestag zum Anlass nehmen, um R\u00fcckschau zu halten. 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