{"id":525,"date":"2019-06-27T12:44:00","date_gmt":"2019-06-27T10:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=525"},"modified":"2024-07-19T15:01:52","modified_gmt":"2024-07-19T13:01:52","slug":"daks-newsletter-juni-2019-ist-erschienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=525","title":{"rendered":"DAKS-Newsletter Juni 2019 ist erschienen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Nachdenken \u00fcber Krieg und Frieden kann man aus den verschiedensten Perspektiven, in einer Vielzahl von Kontexten und auf die unterschiedlichsten Weisen. Kunst und Literatur sind Welten, in denen ein solches Nachdenken hervorragend funktioniert \u2013 und wenn sich beide Bereiche miteinander ins Gespr\u00e4ch bringen lassen, wie dies im Medium des Comics geschieht, dann sind tiefgr\u00fcndige Denkprozesse zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen eines deutsch-taiwanesischen Kooperationsprojektes ist in den vergangenen Jahren ein mehrb\u00e4ndiges Werk erschienen, das genau diesen Grenzbereich erforscht. Mit \u201eGesellschaft im Comic \u2013 Grafische Erz\u00e4hlungen zu Geschichte und Krieg\u201c liegt nun der 3. Band dieser Publikation vor, die die verschiedenen Darstellungsformen und Denkweisen \u00fcber Krieg und Frieden im Comic analysiert und vorstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr dazu im neuen Newsletter! Und viel Vergn\u00fcgen bei der Lekt\u00fcre!<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Weiterempfehlen: Wenn Sie den Kleinwaffen-Newsletter abonnieren wollen (als kostenlose E-Mail), senden Sie uns einfach eine <a href=\"mailto:%20daks-news@rib-ev.de\">Mail<\/a> mit dem Stichwort \u201eKleinwaffen-Newsletter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>DAKS-Newsletter Juni 2019<\/p>\n\n\n\n<p><strong>INFORMATIONEN F\u00dcR DIE MEDIEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>zum Sammelband:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gesellschaft im Comic \u2013 <\/strong><strong>Grafische Erz\u00e4hlungen zu Geschichte und Krieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine Textsammlung von Heike Oldenburg und Andr\u00e9 Sven Maertens<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Unter Mitarbeit von Chang, Pi-Yun<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit Illustrationen von Walter Moers, 61Chi und Gerhard Mauch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Mit dem dritten Band der Reihe \u201eZeichnen und Erz\u00e4hlen\u201c schlie\u00dfen wir den Bogen und kommen zu grafischen Erz\u00e4hlungen \u00fcber krisenhafte Geschehnisse in Gesellschaften und die damit zusammen\u00adh\u00e4ngenden milit\u00e4rischen bzw. militaristischen Denkweisen und Handlungen (erschienen waren zuvor \u201eKrieg im Comic?\u201c, 2017, und \u201ePolitik im Comic\u201c, 2018). Es geht also in den Beitr\u00e4gen um anscheinend normale Gesellschaft, um Krieg und um die sie verbindenden historischen Entwicklungen. Wie Heer und Reemtsma (1998) deutlich gezeigt haben, ist Krieg ein Gesellschafts\u00adzustand, nicht das Werk einiger weniger und ebenso kein Natureignis, Unfall oder gar Schicksal. Die \u201eKrieger\u201c und ihre Helfer*innen kommen aus der Gesellschaft, (formen sie auch) und kehren sp\u00e4ter in sie zur\u00fcck. Wie gehen sie mit dem erlebten oder selbst ver\u00fcbten Mord um? Das Leben, auch das Alltagsleben der Menschen, zu beobachten, ist daher zentral f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis davon, wie Krieg gemacht wird und welche Folgen die Kriegshandlungen haben. Die Bildgeschichte erweist sich \u2013 entgegen weiterhin bestehenden Zweifeln \u2013 als geeignetes Medium, um politisch gehaltvoll zu erz\u00e4hlen. So behandeln die hier vorliegenden kritischen Analysen die Frage, wie in der grafischen Literatur die sozialen Auswirkungen von kriegerischen Ereignissen und Verhaltensweisen gezeigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits bei den beiden vorangegangenen Sammelb\u00e4nden haben Menschen aus Deutschland und Taiwan die Beitr\u00e4ge verfasst \u2013 unter ihnen Expert*innen, Comic\u00adzeichner*innen und gesellschafts\u00adpolitische Aktivist*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerhard Mauch, selbst Zeichner, bespricht eine \u201eGraphic Novel\u201c zur Generationen\u00adproblematik und zur Umweltzerst\u00f6rung. Au\u00dferdem bespricht er eine Serie \u00fcber den Genozid an den Ureinwohnern Nord\u00adamerikas, den \u201eFirst Americans\u201c. Gerhards Mauchs neueste Bildgeschichte \u201eDie Zeitreise \u2013 eine Comicdoku zur Geschichte des Fairen Handels\u201c wird vorgestellt. Heike Oldenburg widmet sich in zwei Beitr\u00e4gen Comic-Werken zu den Lebensl\u00e4ufen von Frauen \u2013 erz\u00e4hlt wird hier von Gesellschaft und Krieg im Iran und im Libanon, ein weiterer Text befasst sich mit Franquins Kritik an sozialen und militaristischen Missst\u00e4nden. Andr\u00e9 Sven Maertens wirft in seinem Beitrag die Frage auf, wie Kriegskritik und \u201eHelden\u201c-Bilder in Weltkriegscomics europ\u00e4ischer Herkunft gestaltet werden und welche Schwierig\u00adkeiten dabei auftreten k\u00f6nnen. Kai Otto Chang geht in seinem Essay unter anderem darauf ein, wie in Moers Roman \u201eDie Stadt der Tr\u00e4umenden B\u00fccher\u201c Illustrationen und Text miteinander zu einer neuartigen Erz\u00e4hlweise verbunden werden. Die taiwanische K\u00fcnstlerin 61Chi gibt im Interview Auskunft zu ihren Arbeiten, zur zeichnerischen Darstellung taiwanischen Gro\u00dfstadtlebens und zur Comic-Szene Taiwans. Abschlie\u00dfend werden Werke von 61Chi gezeigt (mit deutscher \u00dcbersetzung der Texte). Eine Liste mit weiteren Buchtipps (von Chang, Pi-Yun u. a.) ist angeh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u25ba \u201eGesellschaft im Comic\u201c ist im April 2019 beim Verlag Books on Demand (Norderstedt) erschienen, hat 128 Seiten (Format 15,5 x 22 cm) und ist zum Preis von 6 Euro im Buchhandel erh\u00e4ltlich (ISBN 978-3-749453917). Herausgeber ist der Germanist Andr\u00e9 Sven Maertens.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Druck dieser Reihe wurde von der Freiburg Regionalgruppe der DFG-VK unterst\u00fctzt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kontaktadresse f\u00fcr alle Fragen zu diesem Band und der Reihe sowie einige Impressionen von der Buch-pr\u00e4sentation am 22. Juni 2019 in der Wenzao-Universit\u00e4t in Kaoshiung (Taiwan) siehe bei Facebook: @politikimcomic<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mehr Informationen und Online-Bestellung unter:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesellschaft-im-comic-andre-sven-maertens-9783749453917\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.bod.de\/buchshop\/gesellschaft-im-comic-andre-sven-maertens-9783749453917<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u25cf Als<strong> Leseprobe<\/strong> ein Auszug aus dem Beitrag von Andr\u00e9 Sven Maertens, der auf die Frage eingeht, wie unterschiedlich kriegerische Gewalt in Bildgeschichten und \u201eGraphic Novels\u201c dargestellt wird \u2013 mal affirmativ, mal milit\u00e4rkritisch. Dieser Aufsatz befasst sich unter anderem mit Werken von Emmanuel Guibert, Herg\u00e9, Isabel Kreitz, Gregor M. Hoffmann und Jacques Tardi.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>******<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kriegskritik und \u201eHelden\u201c-Bilder in Comics europ\u00e4ischer Herkunft:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fragen und Probleme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Krieg abzubilden, ist im Grunde ein Leichtes. Man zeigt Soldaten und ihre Schusswaffen in der Schlacht, wahlweise mit Panzern, Schiffen oder Flugzeugen, und schon wird den meisten Leser*innen klar, womit sie es zu tun haben und woraus Krieg anscheinend nur besteht: aus Waffen, Kampf und dem Tod \u201eechter Kerle\u201c. Und wenn man m\u00f6chte, dass die Leute den Eindruck haben, dass man den Krieg kritisch sieht, l\u00e4sst man die Soldaten (in den meisten F\u00e4llen ja M\u00e4nner) von ihrem Elend und ihren \u00c4ngsten oder auch von Schuldgef\u00fchlen berichten oder zeigt solche Themen im Bild \u2013 hier unterscheidet sich Literatur wie Remarques ber\u00fchmtester Roman kaum von Filmen wie \u201eThe Thin Red Line\u201c (Terrence Malicks verk\u00fcrzender Verfilmung von James Jones\u2018 Roman aus dem Jahr 1962) oder eben von Kriegs-Bildgeschichten, beispielsweise Tardis B\u00fcchern zum Ersten Weltkrieg. Das Genre ist also fest umrissen und einige Elemente einer Kriegserz\u00e4hlung werden von den Lesern erwartet, wenn nicht sogar mit Nachdruck eingefordert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie l\u00e4sst sich diesem Stereotyp einer Kriegsschilderung entkommen? Comics bzw. Bildgeschichten bieten wie filmische Darstellungen keine langen Text-Bl\u00f6cke, sondern etwas visuell Gestaltetes, bei dem wir eine spezifische Formsprache und jeweils eigene Bedeutung wahrnehmen: Bilder. Dies hat den Vorteil, dass die Kunstproduzierenden auf eindr\u00fcckliche Weise zeigen k\u00f6nnen, wie das seelische Leiden und die physische Zerst\u00f6rung im Krieg aussehen, fast immer verbunden mit einer Figurenerz\u00e4hlung, welche die Leser*innen mitnimmt in eine andere Welt. Und all das, ohne dass man den \u2013 heute oft als aufw\u00e4ndig angesehenen \u2013 Umweg einer Buchstaben-Fassung der vielleicht selben Geschichte gehen muss (man denke hierbei auch an Literaturadaptionen). Zeichnungen \/ Comics haben gegen\u00fcber Filmen zudem den Vorteil, dass die Zeichner*innen (fast immer in Zusammen\u00adarbeit mit den Texter*innen) so manchen digital erzeugten Spezialeffekt locker \u00fcberbieten, denn was immer im Bild gezeigt werden soll, kann (einmal die Kunstfertigkeit vorausgesetzt) den Leser*innen auf dem Papier vor Augen gef\u00fchrt werden \u2013 das schaffen die Filmschaffenden \u00e4hnlich erst mit dem Trick der teuren CGI. (Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die von dem Belgier Marvano f\u00fcr den Vietnamkriegs- bzw. Science-Fiction-Roman \u201eThe Forever War\u201c von Joe Haldeman erschaffene Bildwelt, mit deren Magie auch ein vielleicht doch noch kommender Spielfilm von Ridley Scott nur schwer mithalten k\u00f6nnte.) Doch wo sich beide wieder begegnen: Es geht gar nicht immer um perfekte Mimesis. Sicher, das Gemeinte muss erkennbar sein, sonst geht im schlimmsten Fall aller Inhalt verloren, doch gerade das Aufbrechen und Aufzeigen der Realit\u00e4tsnachahmung als ebensolche kann durchaus beabsichtigt und f\u00fcr die Erz\u00e4hlung hilfreich sein. Der \u201esch\u00f6ne\u201c Comic muss nicht immer der bessere sein. Zeichnungen sind in den meisten F\u00e4llen noch eher als k\u00fcnstliche Nachahmung der nat\u00fcrlichen Welt zu erkennen, als das bei einem Foto oder einem bewegten Bild der Fall ist. Bei dieser Erz\u00e4hlweise ist sofort auff\u00e4llig, dass hier mit Absicht etwas k\u00fcnstlich Geschaffenes gezeigt wird, das als Bedeutungstr\u00e4ger fungiert. Und wenn es der Erz\u00e4hlinhalt erfordert, kann genau dadurch unser \u00fcbliches Denken in Mustern, Stereotypen und Klischees aufgebrochen werden \u2013 f\u00fcr Geschichten \u00fcber Anti-Militarismus, Tabuthemen wie Schuld, politischen Widerstand und Gesellschaftskritik bzw. -wandel gegebenenfalls entscheidend. Die sequenzielle Gestaltung von Bildgeschichten, also die Aufeinanderfolge von Bildern und die M\u00f6glichkeit einer freien k\u00fcnstlerischen Darstellung der Wirklichkeit, l\u00e4sst einen Freiraum f\u00fcr die real gegebene Vielf\u00e4ltigkeit und die Er\u00f6rterung komplexer moralischer Fragen, beispielsweise in einer Kriegssituation. Dies geht nat\u00fcrlich auch mit Prosa, mit Text, doch die M\u00f6glich\u00adkeiten einer grafischen Erz\u00e4hlweise ungenutzt zu lassen, w\u00e4re beinahe fahrl\u00e4ssig (noch dazu in einer immer visueller gestalteten globalen Kultur und Gesellschaft, man denke nur an die Verbreitung von Mangas weltweit). Setzen wir die beiden Medien Prosatext und Bildgeschichte nicht in Gegensatz. F\u00fcr die politische Diskussion ist der gesellschaftskritische \u201eGraphic Novel\u201c, der Bild-Roman, eine Bereicherung und steht im deutschsprachigen Raum l\u00e4ngst \u2013 so wie in anderen Gesellschaften, etwa Frankreich \u2013 als gleichwertige Kunstform neben Roman, Erz\u00e4hlung, Drama und Gedicht. Und das zu Recht, wie die Beispiele in diesem Sammelband zeigen. (Und wer von Goethe begeistert sein sollte, m\u00f6ge in Simon Schwartz\u2018 Einleitung zu seinem Buch \u00fcber Rodolphe T\u00f6pffer Goethes Begeisterung \u00fcber die neue Kunst\u00adform nachlesen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Den Vereinfachungen, Verharmlosungen und Besch\u00f6nigungen, denen wir in so vielen Werken zum Kriegsthema begegnen, kann im Comic etwas entgegengesetzt werden. Allerdings wird daf\u00fcr ein realistischer und das hei\u00dft meist ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Handlungsweisen ben\u00f6tigt, eine Zeichnung, die ebendies vermag: das gewohnte Denken zu hinterfragen und neue Sichtweisen anzuregen. Was ist Krieg? Generalstab, Landkarte, Schlacht und Geschichtsbuch? M\u00e4nner mit Waffen? Ja, das kann Krieg sein, doch in Wirklichkeit geht es um so viel mehr als um Gener\u00e4le, \u201egoing over the top\u201c und M\u00e4nner, die schie\u00dfen, t\u00f6ten und sterben. Und selbst dann, wenn (Front-)Soldaten im Zentrum der Erz\u00e4hlung stehen, kann von ihnen mehr gezeigt werden als \u201eheldenhafter\u201c Kampf und die mit Legenden verpackte \u201eM\u00e4nnlichkeit und Tapferkeit im Angesicht des Feindes\u201c, wie es in den Wild-West-Narrativen und Rittergeschichten-Konzepten vieler Kriegsromane und -filme dargestellt wird (Beispiele sind \u201eSaving Private Ryan\u201c und \u201eEnemy at the Gates\u201c). Einige positive und negative Beispiele dieser \u201eHelden\u201c-Darstellungen und kriegskritischer grafischer Literatur sollen im Folgenden betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>[Abschnitt zu Herg\u00e9]<\/p>\n\n\n\n<p>Tim bzw. Tintin kennen alle. Die journalistischen, feuilletonistischen, wissenschaftlichen und k\u00fcnst\u00adlerischen Texte und Bildgeschichten, die sich mit Herg\u00e9s Werk befassen, sind so zahlreich, dass man tats\u00e4chlich Tintinolog*in werden m\u00fcsste, um umfassend zu verstehen, was dieser Comic-Pionier und Meister der sequenziellen Kunst erschaffen hat: den Kosmos einer unendlich scheinenden Abenteuerwelt, die Propagierung der \u201eligne claire\u201c und die M\u00f6glichkeit, dass \u201eComic-Zeichner\u201c B\u00fccher verkaufen und dadurch ein (k\u00fcnstlerisches) Leben haben k\u00f6nnen und nicht nur Wegwerfbilder f\u00fcr Zeitungen produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das ist jetzt verk\u00fcrzt, sowohl was die Verdienste Herg\u00e9s angeht. Aber ebenso verk\u00fcrzt, was seine politischen Fehler und bleibenden historischen Verantwortlichkeiten betrifft: etwa Chauvinismus (\u201eTim im Lande der Sowjets\u201c), Rassismus (\u201eTim im Kongo\u201c), Antisemitismus (\u201eDer geheimnisvolle Stern\u201c) und die Kollaboration w\u00e4hrend der Besetzung Belgiens durch NS-Deutschland. Auch \u00fcber Antiziganismus in Herg\u00e9s Geschichten wird diskutiert (siehe Dolle-Weinkauff 2000). Doch insgesamt m\u00fcssen seine fantas\u00adtische Bilderwelt, seine Erz\u00e4hlweise und sein Zeichenstil etwas Einzigartiges haben, dass uns weiterhin fasziniert. So rei\u00dft das Gespr\u00e4ch \u00fcber dieses Gesamtwerk nicht ab (siehe auch die national-kulturelle Vermarktung im 2009 eigens erbauten Mus\u00e9e Herg\u00e9 in Louvain-la-Neuve, Belgien) und ebenso wenig die Besch\u00e4ftigung mit \u201eTim und Struppi\u201c (neben anderen Reihen wie \u201eQuick et Flupke, gamins de Bruxelles\u201c und \u201eLes Aventures de Jo, Zette et Jocko\u201c). Meine \u00dcberlegungen sind nur ein Teil dieser Diskussionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tim schie\u00dft. Immer wieder und mit viel Erfahrung. Wie kommt es, dass ein Reporter so sicher und trickreich mit Handfeuerwaffen umgehen kann? Wenn man sich die Tim-Alben ansieht, wird von Beginn an viel gek\u00e4mpft, gepr\u00fcgelt und eben auch geschossen. Schaut man genau hin, l\u00e4sst sich in der Heftreihe (deren Entstehungszeit ja immerhin fast 60 Jahre umspannt) beinahe die Geschichte der Schusswaffen\u00adentwicklung nachverfolgen: Wenn in \u201eTim im Lande der Sowjets\u201c noch mit den damaligen wasser\u00adgek\u00fchlten Maschinengewehren geschossen wird, sind einige Episoden sp\u00e4ter (etwa in \u201eDie Zigarren des Pharao\u201c) bereits fr\u00fche Maschinenpistolen und fortentwickelte schwere Maschinenwaffen zu sehen. Und w\u00e4hrend Herg\u00e9 bei einigen Technikneuheiten wie Haifisch-Ein-Mann-U-Booten oder auch au\u00dfer\u00adirdischen Raumfahrzeugen und der \u201eAlpha-Kunst\u201c (zus\u00e4tzlich zu intensiver Recherche) einige Fantasie entwickelt, bleibt er (nicht nur) bei den Waffenabbildungen auf der technisch korrekten und geschichtlich akkuraten Seite, Beispiele sind die Panzer in \u201eDer Fall Bienlein\u201c. Am Ende dieser Reise durch die Waffengeschichte stehen die modernen Handfeuerwaffen, die beispielsweise in \u201eFlug 714 nach Sydney\u201c abgebildet sind. Unrealistische Darstellungen sind Herg\u00e9s Sache sp\u00e4testens seit seinem \u00c4gypten-Abenteuer nicht mehr, gut zu sehen auch an den \u00c4nderungen des Aussehens von Flugzeugen, Autos und Z\u00fcgen, die im Laufe der Neubearbeitungen bzw. Modernisierungen der Heftreihe vorgenommen wurden. (Hier darf die scheu\u00dfliche bis unverst\u00e4ndlich zu nennende Nachahmung der \u201eV2\u201c-Raketen, mit denen Soldaten der faschistischen Wehrmacht Menschen in Belgien, Frankreich, Gro\u00dfbritannien und den Niederlanden beschossen hatten, nicht vergessen werden. Der Ursprung von Herg\u00e9s Raketendesign wird sogar ganz direkt in \u201eDer Fall Bienlein\u201c angesprochen, wenn die originale Brosch\u00fcre von Leslie E. Simon \u00fcber diese NS-Waffenentwicklungen gezeigt wird. Allerdings wurde im Comic das Hakenkreuz von Simons Titelbild genommen, was aus rechtlichen Gr\u00fcnden geschehen sein kann oder weil Herg\u00e9 nicht gern an seine Unterst\u00fctzung des deutschen Faschismus erinnert werden wollte.) Bisheriges Fazit: Wenn in \u201eTim und Struppi\u201c geschossen wird, dann stimmt die Historie und es gibt eine glaubhafte Darstellung der Waffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellt sich die Frage, wozu die Darstellung von Gewalt in diesen Geschichten dient. Sicherlich, es sind Abenteuergeschichten, da geht es nicht ohne Kampf und Waffeneinsatz ab. Das Genre fordert, dass Tim \u201eSchurken ausschaltet\u201c, sich zu wehren wei\u00df und auch mal richtig zuschlagen kann bzw. wei\u00df, wie man mit Pistolen, Gewehren und automatischen Waffen umgeht. Aber wozu? Abenteuererz\u00e4hlungen sind Geschichten \u00fcber M\u00e4nner mit Mut und Tatkraft, M\u00e4nner, die sich in der \u201eharten\u201c Welt durchzusetzen wissen und dadurch den (meist) kindlichen und jugendlichen Lesern das Gef\u00fchl von St\u00e4rke und Sicherheit geben, und deren Geschichten nat\u00fcrlich auch Spa\u00df an eben diesen zu bestehenden Abenteuern zu wecken beabsichtigen. Jedoch kann man nicht zur\u00fcckweisen, dass die Leser sich in der realen Welt bewegen und dort eben genau diese Waffen und ihre traurige Anwendung beobachten und erleben. \u00dcbertrieben gestaltete Zweih\u00e4nder von Fantasy-Helden oder Lichtschwerter aus Space-Opera-Erz\u00e4hlungen wie \u201eStar Wars\u201c haben wohl einen \u00e4hnlichen Effekt, aber dort ist (hoffentlich) den Lesern von vornherein klar, dass es (neben Troststiftung) um pure Unterhaltung gehen soll. Nicht so bei Herg\u00e9: Sein \u201eHeld\u201c schie\u00dft in der Wirklichkeit und wird dabei als der \u201eGute\u201c dargestellt bzw. wahrgenommen. Ein Held, dem \u2013 zumindest in der jugendlichen Fantasie \u2013 nachgeeifert wird. Und so vermittelt \u201eTim und Struppi\u201c die Botschaft, dass t\u00f6dliche Gewalt mit Humor gepaart werden darf (auch die Explosionen von Artilleriegranaten sind f\u00fcr die Getroffenen lediglich etwas Lustiges). Ein Abenteurer bzw. selbsternannter Hilfspolizist darf und muss also mit Waffen \u00fcben (obwohl wir das in Herg\u00e9s Geschichten nie sehen \u2013\u201eTim auf dem Schie\u00dfstand\u201c?) und er muss bereit sein, andere Menschen mit Schusswaffen zu verletzen oder gar zu t\u00f6ten. In vielen Situationen wirkt der \u201ejunge Reporter\u201c eher wie ein pubert\u00e4res \u00dcberbleibsel aus Herg\u00e9s Pfadfinder-Zeiten und scheint sich selbst als eine Art Veteranen-Soldaten zu sehen: So fliegt Tim wie selbst\u00adverst\u00e4ndlich Kampfflugzeuge, wirft Handgranaten, schie\u00dft scharf, kennt sich mit Panzern aus, kennt Dschungelkampf-Tricks und ruft quasi fachm\u00e4nnisch (oder s\u00f6ldnerm\u00e4\u00dfig?) \u201eTouch\u00e9\u201c, als er (mit einer Kalaschnikow!) ein vorbeisausendes Flugzeug getroffen hat. Und er verbindet dies alles \u2013 als w\u00e4re das ganz normal \u2013 mit dem ruhigen Leben eines h\u00f6flichen, wissbegierigen und auf nat\u00fcrliche Weise rechtschaffenen jungen Mannes. Man fragt sich, durch welche Schule Journalisten fr\u00fcher gehen mussten bzw. welche Erwartungen damalige (und heutige) Leser an Abenteuerhelden hatten. Was wollen wir (im Abenteuer- und Kriegs\u00adgenre) sehen? Harry Potter als einf\u00fchlsamen Konflikt-Mediator zwischen Voldemort und Dumbledore oder eher einen um sich fechtenden und meuchelnden Aragorn, der die Welt mit seiner \u201eManneskraft\u201c vor dem B\u00f6sen rettet? K\u00f6rperliche bzw. milit\u00e4rische Gewalt und Waffen sind ein Attraktionspunkt und das wusste auch Herg\u00e9. Nicht alles, was Tim und seine Freunde und Feinde erleben und \u00fcberleben, sind Gewalthandlungen. Und Tim schie\u00dft nicht mit sadistischen oder mit Mordgedanken, er bewahrt (fast) immer Ma\u00df. Doch was am Ende bleibt, ist eine schleichende Verharmlosung von Waffengewalt und die \u00dcberzeugung, dass (Schuss-)Waffen ein sinnvoller oder vielleicht sogar sch\u00f6ner Teil unseres Lebens sind bzw. sein sollten. (Und das ist eigentlich NRA-Gedankengut.)<\/p>\n\n\n\n<p>Doch sind wir nicht alle Waffenfanatiker geworden, auch wenn wir \u201eTim und Struppi\u201c gelesen haben, da w\u00e4ren andere Medien und gesellschaftliche Praktiken viel eher eine Diskussion wert \u2013 etwa Kriegsfilme und -romane, Killerspiele, Ausbildung an Schusswaffen (beispielsweise in der Bundeswehr) und eine fehlende Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit, vor allem f\u00fcr die Generation der Weltkriegskinder. Fruchtbar f\u00fcr die fortgesetzte Herg\u00e9-Rezeption ist jedoch die Frage, welchen Einfluss diese Comic-Serie auf nachfolgende K\u00fcnstler*innen hatte und wie diese mit seiner Hinterlassenschaft umgehen. Bei den beiden hier vorgestellten K\u00fcnstlern handelt es sich um Autoren bzw. Illustratoren mit einer sehr eigenen Zeichentechnik und Darstellungsweise, kraftvoll, ins Auge springend und provokativ im ersten Fall, im zweiten jedoch nicht weniger beeindruckend und die menschlichen Schw\u00e4chen und Maskeraden durch einen vagen und sympathieweckenden Zeichenstil auf eine leise Weise entlarvend. Interessanterweise gibt es bei beiden Zeichnern einen Afrika-Kontext (man k\u00f6nnte sich ja z. B. auch Tims Abenteuererlebnisse w\u00e4hrend der japanischen Aggres\u00adsion in China anschauen und deren stereotypische oder sozialkritische Aspekte untersuchen).<\/p>\n\n\n\n<p>Der 1967 geborene S\u00fcdafrikaner Anton Kannemeyer beispielsweise nimmt in \u201ePapa in Afrika\u201c (2014 bei avant auf Deutsch erschienen) das Motiv von Tims Schie\u00dfwut auf und deutet sie als rassistische Denkweise und brutale Behandlung bzw. Bestrafung der afrikanischen Ureinwohner*innen: In einer kurzen Bildgeschichte von Kannemeyer wird eine Episode aus Herg\u00e9s Afrika-Band dadurch persifliert, dass Tim (bzw. eine deutlich als Tim zu erkennende Figur) in einer sehr \u00e4hnlichen Szenerie nicht Antilopen, sondern Menschen mit schwarzer Hautfarbe \u201eabknallt\u201c, ohne Stopp und ohne Menschlichkeit \u2013 und ihnen hernach wie erlegtem Wild ganz selbstverst\u00e4ndlich K\u00f6rperteile, hier die H\u00e4nde, abschneidet (siehe dort S. 10-11). Diese Morde sind in \u00e4hnlicher Weise wirklich geschehen bei Kolonisierungen und Eroberungen durch Europ\u00e4er (nicht nur in Afrika), hier bei Kannemeyer sind sie dementsprechend Hinweis auf eine paternalistische bis rassistische Ideologie und auf die Verachtung angeblich \u201eniederer Rassen\u201c. In anderen die Figur Tim zynisch modifizierenden Geschichten oder Einzelbildern wird noch mehr von dem aufgedeckt und zur Diskussion gestellt, was der junge Georges Prosper Remi in seiner konservativ-katholischen Kindheit und am Karriereanfang von dem rassistisch denkenden Abt und Journalisten Norbert Wallez \u00fcber die Welt erz\u00e4hlt bekommen hatte. Das alles mag dem sp\u00e4teren Autor Herg\u00e9 als kein gro\u00dfes Vergehen gelten, war doch (angeblich) die ganze damalige (belgische und europ\u00e4ische) Gesellschaft von diesem Kolonial-Denken \u00fcberzeugt \u2013 Rassismus war und bleibt es doch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliche intertextuelle Kommentare zu Herg\u00e9s Werk sehen wir bei Joann Sfar: In seiner seit 2002 laufenden Graphic-Novel-Serie \u201eDie Katze des Rabbiners\u201c l\u00e4sst der 1971 geborene franz\u00f6sische Medien-schaffende und Comic-Zeichner (u. a. beteiligt an der Fantasy-Parodie \u201eDonjon\u201c) die Leser*innen die skurrile Geschichte von einer Katze miterleben, die sprechen kann, weil sie einen Papagei gefressen hat, und die in der Folge mit ihrem Herrchen, einem Rabbiner im Algier der 1930er Jahre, philosophische Dialoge \u00fcber die j\u00fcdische Religion und \u00fcber gesellschaftliche Ethik f\u00fchrt. In den sp\u00e4teren B\u00e4nden entwickelt sich die Handlung so weiter, dass eine Gruppe um den Rabbiner vom Maghreb aus ins zentrale Afrika reist, um eine sagenhafte Stadt mit dem Namen \u201eJerusalem\u201c zu finden (siehe auch McKinney 2011), und w\u00e4hrend die Gruppe gerade im belgischen Kongo unterwegs ist, trifft sie dann (im Band \u201eJ\u00e9rusalem d\u2019Afrique\u201c) \u00fcberraschend auf die Figur eines \u201ejungen Reporters\u201c (der unmiss\u00adverst\u00e4ndlich Herg\u00e9s Tim darstellt). Dieser verh\u00e4lt sich \u00fcberheblich und besserwisserisch, ist mehr als eingebildet, belehrt die anderen mit seinen \u201eWeisheiten\u201c, als seien sie im Vergleich zu ihm unwissende Kinder, und er schie\u00dft auf alle Tiere, die sich in der N\u00e4he der Gruppe befinden \u2013 auch sein Hund wird als \u201eIdiot\u201c geschildert. Am Ende des kurzen Treffens (nach einer Seite mit sechs zugespitzt und unterhaltsam erz\u00e4hlten Panels) ist die Gruppe froh, \u201eTim\u201c wieder los zu sein, der in eine andere Richtung weiterreist.<\/p>\n\n\n\n<p>Man fragt sich, wozu Sfar dieses Literaturzitat in seine Bildgeschichte aufgenommen hat und wie die negative Deutung der Figur entsteht. Es geht um Kritik an einer (weitverbreiteten) Haltung. Dazu muss man sich bewusst machen, dass sich die gesamte Reihe um das Thema Humanit\u00e4t dreht, d. h. es geht stets darum, wie die Menschen lernen k\u00f6nnten, einander besser zu verstehen, und um die Idee bzw. Hoffnung, dass die unterschiedlichen Kulturen \u2013 bei allen dabei auftretenden Schwierigkeiten \u2013 ihre Unterschiede nicht als trennende begreifen und ihre wichtigen menschlichen Gemeinsamkeiten erkennen sollten. In Sfars Geschichte geht es konkret um die Koexistenz von arabischer und j\u00fcdischer Kultur in jener Zeit. Eine Figur, wie diese Autor sie in \u201eTim\u201c sieht, passt nicht in diese Weltsicht, denn der angeblich an Wissen so reiche und aufgrund seiner europ\u00e4ischen (und katholischen?) \u00dcberlegenheit so dominant auftretende \u201eMissionar\u201c verh\u00e4lt sich im Gegenteil brutal gegen\u00fcber anderen Menschen (und Tieren). Gerade er ist nicht zivilisiert, wenn er dessen auch selbst so sicher ist, er verk\u00f6rpert nicht die aufgekl\u00e4rte Lebensweise, die in Sfars Reihe zu sp\u00fcren ist: Tim wird als Gewaltmensch interpretiert. Spannende Deutung!<\/p>\n\n\n\n<p>Man mag einwenden, dass sich Haltung und Ansichten von Herg\u00e9s Figur seit seinen ersten Alben und nach der offensichtlichen Arbeit f\u00fcr das NS-Regime gewandelt und verbessert haben. Das lie\u00dfe sich wohl behaupten. Doch dass der schie\u00dfw\u00fctige und mindestens euro-zentristisch und chauvinistisch agierende Tim in den Werken von Kannemeyer und Sfar so schlecht wegkommt, ist erst einmal politisch wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kurze Anmerkung sei jedoch gemacht, um neben allem anderen Herg\u00e9s Willen zur Gesellschafts- und Wirtschaftskritik zu zeigen: In dem Band \u201eDer Arumbaya-Fetisch\u201c portr\u00e4tiert er den ber\u00fchmten Waffenh\u00e4ndler Basil Zaharoff, der ab den fr\u00fchen Balkan\u00adkonflikten und bis nach dem Ersten Weltkrieg seine Taten beging (u. a. durch den Export von Maxim-Maschinengewehren) und auch schon mal beide Seiten eines Konflikts belieferte (vgl. Farr 2006, S. 62). Seine Firma hei\u00dft in der englischsprachigen Version \u201eKorrupt Arms GmbH\u201c \u2013 ein Hinweis auf Zaharoffs Beteiligung an Krupp? (In anderen Versio\u00adnen, auch der deutschsprachigen, wurde mit \u201eVicking Arms\u201c ein Name gew\u00e4hlt, der auf den Vickers-MG-Produzenten deutet, f\u00fcr den Zaharoff ebenfalls Schusswaffen verkaufte.) Dieser Waffen\u00adh\u00e4ndler fliegt durch die Welt und verkauft Kanonen und Geschosse, hier an die fiktiven Staaten San Theodoros und Nuevo Rico. Gemeint sind Bolivien und Paraguay, die in den 1930er Jahren beinahe 100.000 Menschen ihrer Bev\u00f6lkerung im Interesse von Gro\u00dfkonzernen \u201eauf dem Altar des Vaterlandes opferten\u201c. Herg\u00e9s Erz\u00e4hlung weist auf die Interessen der \u00d6lfirmen (in der Realit\u00e4t \u201eStandard Oil of New Jersey\u201c, sp\u00e4ter \u201eExxon Mobil Corporation\u201c, und \u201eRoyal Dutch Shell\u201c) als wichtigen Konflikthintergrund und auf die Machenschaften der Waffendealer explizit hin. Immerhin dies!<\/p>\n\n\n\n<p>[Schlussabschnitt]<\/p>\n\n\n\n<p>Krieg ist, um das Wort von Reemtsma und Heer noch einmal aufzugreifen, ein Zustand, in dem sich eine Gesellschaft befindet: Es mag einen Ludendorff, einen Himmler, einen Karad\u017ei\u0107 oder auch einen Hideki als milit\u00e4risch, juristisch oder politisch Verantwortlichen geben \u2013 dies darf jedoch nicht dar\u00fcber hinweg\u00adt\u00e4uschen, dass die Gesellschaft, d. h. die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, die von diesen Verbrechern begangenen Massenmorde und Gr\u00e4ueltaten (die von mir im Falle dieser vier M\u00e4nner keinesfalls gleich\u00adgesetzt werden!) guthei\u00dft oder zumindest akzeptieren konnte bzw. heute noch kann. So k\u00f6nnte man mit Hannes Heer (2005) sagen: Es war eben nicht nur Hitler. Krieg \u2013 und auch Faschismus, das zeigt sich deutlich in der deutschen und japanischen Geschichte (und Gegenwart) \u2013 sind gesellschaftlich entwickelte Handlungsweisen (siehe Theweleits Studie zum Verhalten bewaffneter M\u00e4nnergruppen, 1977-1978). Wenn sie sozial geduldet bzw. sogar mit Anerkennung belohnt werden, bed\u00fcrfen diese Verhaltensweisen nicht einmal der Verrohung bzw. Brutalisierung, um ausge\u00fcbt zu werden, zu sehen an den Unter\u00adsuchungen der Gedankenwelt von Wehrmachtspiloten, die bereits zu Beginn des Krieges interviewt wurden (siehe Neitzel \/ Welzer 2011) und auch zu beobachten an der \u201eBanalit\u00e4t des B\u00f6sen\u201c der Verbrecher, die in den Vernichtungslagern arbeiteten und offensichtlich ohne Gewissensqualen Tausende, Zehntausende und Millionen Menschen ermordeten (Anfang der 1960er Jahre von Hannah Arendt untersucht).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Denk- und Verhaltensweisen nicht kritisch (und kreativ) zu beleuchten, sondern lediglich den \u201eFront-Helden\u201c oder gar \u201ebegeisternde\u201c Schlachtszenen zu zeigen, ist eine problematische, weil gef\u00e4hrliche Verharmlosung der (von der Bev\u00f6lkerung unterst\u00fctzten oder gar selbst) allerorts ver\u00fcbten Verbrechen des damaligen deutschen (Kriegs-)Faschismus (und seiner \u00e4hnlichen Formen andernorts), der gerade in Zeiten der heute neu erstarkenden Rechten und Neonazis und des bereits stattfindenden Verschwindens der Zeitzeugen-Generation bzw. der \u00fcberlebenden Opfer nicht akzeptiert werden kann. So ist es sehr zu begr\u00fc\u00dfen, dass neben kritischen Prosatexten ebenso weiterhin politisch wache Bild\u00adgeschichten erscheinen, die auf differenzierte und engagierte Weise mit dem Thema Krieg, Militarismus und Faschismus umgehen und die Gesellschaft, d. h. die einzelnen Menschen (im gegebenen Fall wir selbst), nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Ohne an dieser Stelle die notwendige Faschismus- und Militarismusanalyse auf gef\u00e4hrliche Weise zu verk\u00fcrzen und nur auf die unteren Schichten bzw. den sprichw\u00f6rtlichen \u201ekleinen Mann\u201c zu schauen (Stichw\u00f6rter sind u. a. Militarismus-Kontinuit\u00e4t, faschis\u00adtische Gruppierungen, Milit\u00e4r-Elite, Gro\u00dfkapital und Banken-Politik, R\u00fcstungsindustrie, (Klein-)B\u00fcrger\u00adtum, Antisemitismus-\u201eTradition\u201c, Kompro\u00admisse der Kirchenoberh\u00e4upter, Pl\u00e4ne des Diktators Stalin), m\u00fcssen wir doch die individuelle ethische Pflicht zu humanem und widerst\u00e4ndigem Handeln im Bewusst\u00adsein behalten und sie bei der politischen Entscheidungsfindung ber\u00fccksichtigen: In Brechts Gedicht vom lesenden Arbeiter ist es eben nicht C\u00e4sar allein, der Gallien (brutal) erobert, sondern mit ihm alle, die ihn begleiten \u2013 auch sie tragen Schuld.<\/p>\n\n\n\n<p>******<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Angaben zu den besprochenen Werken:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anton Kannemeyer: Papa in Afrika. Berlin: avant 2014, \u00dcbersetzung ins Deutsche von Mathias-Emanuel Hartmann. (Die Originalausgabe erschien als \u201ePappa in Afrika\u201c 2010 bei Jacana in Johannesburg.)<\/p>\n\n\n\n<p>Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners. 2014 und 2015 bei avant (Berlin) als Sammelb\u00e4nde erschienen. Von David Permantier ins Deutsche \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verzeichnis zitierter Forschungsliteratur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bernd Dolle-Weinkauff: Von zierlichen Zigeunerinnen und Roma-Rambos \u2013 Beobachtungen zum Zigeunerbild im zeitgen\u00f6ssischen Comic. In: Anita Awosusi (Hg.): Zigeunerbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Heidelberg: Das Wunderhorn 2000, S. 97-116.<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Farr: Auf den Spuren von Tim und Struppi. Aus dem Franz\u00f6sischen von Dirk Naguschewski und Marcel Le Comte. Hamburg: Carlsen 2006. \u2013 \u00c4hnlich (apologetisch): Michel Daubert: Mus\u00e9e Herg\u00e9. \u00c9ditions De La Matiniere \/ \u00c9ditions Moulinsart 2013.<\/p>\n\n\n\n<p>Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (Hg): Krieg ist ein Gesellschaftszustand. Reden zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eVernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944\u201c. Hamburg: Hamburger Edition 1998. (Vorbemerkung von Hannes Heer, S. 7; Vortrag von Jan Philipp Reemtsma 1995 auf Kampnagel K3, Hamburg, S. 8-13)<\/p>\n\n\n\n<p>Hannes Heer: Hitler war\u00b4s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin: Aufbau 2008. (Die gebundene Ausgabe war 2005 erschienen.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mark McKinney befasst sich in seiner Studie \u201eThe colonial heritage of French Comics\u201c u. a. mit den Themen Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus, z. B. in der Serie \u201eZig et Puce\u201c von Alain Saint-Ogan (Liverpool University Press 2011). Im Kapitel \u201eRescripting the Croisi\u00e8re noire with critical nostal\u00adgia: J\u00e9rusalem d\u00b4Afrique\u201c geht er auch auf Sfars Erz\u00e4hlung ein und beschreibt Tim als \u201everbose, patroni\u00adzing [\u2026] and brutal to wild animals\u201c (S. 153).<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00f6nke Neitzel \/ Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom K\u00e4mpfen, T\u00f6ten und Sterben. Frankfurt: S. Fischer 2011. (siehe die Unterkapitel \u201eAbschie\u00dfen\u201c und \u201eAutotelische Gewalt\u201c S. 83-94)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdenken \u00fcber Krieg und Frieden kann man aus den verschiedensten Perspektiven, in einer Vielzahl von Kontexten und auf die unterschiedlichsten Weisen. 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