{"id":2012,"date":"2011-04-29T15:35:00","date_gmt":"2011-04-29T13:35:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=2012"},"modified":"2024-07-19T15:05:23","modified_gmt":"2024-07-19T13:05:23","slug":"daks-newsletter-april-2011-ist-erschienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=2012","title":{"rendered":"DAKS-Newsletter April 2011 ist erschienen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Im neuen DAKS-Newsletter fasst Robert Lindner (Oxfam) die aktuellsten Entwicklungen im Arms Trade Treaty-Prozess zusammen. Seit Fazit durchaus ambivalent, denn: \u201eEin internationales Abkommen zur Kontrolle des Waffenhandels r\u00fcckt n\u00e4her, doch Widerst\u00e4nde bleiben.\u201c Eine Analyse des derzeitigen Diskussionsstandes findet sich in seinem ausf\u00fchrlichen Beitrag im aktuellen Newsletter.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin (DFG-VK \/ RIB) gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die Gesch\u00e4ftsbeziehungen der deutschen R\u00fcstungsindustrie mit den Diktaturen der arabischen Welt. Seine erschreckende Bilanz deckt sich mit der Einsch\u00e4tzung von Otfried Nassauer (BITS), der in einem Interview zu dem Schluss gekommen ist die Waffenindustrie lebe vom Export. \u2013 Auch dazu mehr im Newsletter.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Peter Lock schlie\u00dflich stellt in einem Beitrag die Entsorge-Problematik von \u00dcberschu\u00df- und Altwaffen dar, f\u00fcr deren Vernichtung durch den Gesetzgeber zu wenig Anreize geschaffen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und im Heckler &amp; Koch-Lizenzlexikon diesmal: Die Modelle HK 416\/417.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Weiterempfehlen: Wenn Sie den Kleinwaffen-Newsletter abonnieren wollen<br>(als kostenlose E-Mail), senden Sie uns einfach eine <a href=\"mailto:daks-news@rib-ev.de?subject=Kleinwaffennewsletter\">Mail<\/a> mit dem Stichwort<br>\u201eKleinwaffen-Newsletter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. <\/strong><strong>Arms Trade Treaty: UN-Prozess spitzt sich zu<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Robert Lindner (Oxfam Deutschland e.V.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein internationales Abkommen zur Kontrolle des Waffenhandels (Arms Trade Treaty, ATT) r\u00fcckt n\u00e4her, doch Widerst\u00e4nde bleiben. Dies ist der vorherrschende Eindruck vom zweiten Treffen des UN-Vorbereitungsausschusses (Preparatory Committee, \u201ePrepCom\u201c \u2013 Gespr\u00e4che von Regierungsvertretern zur Vorbereitung sp\u00e4terer formeller Verhandlungen) zu einem Arms Trade Treaty, das vom 28.2. bis 4.3.2011 in New York stattfand. Die Erwartungen der Beobachter von Amnesty International, IANSA, Oxfam und anderen Control-Arms-Mitgliedern waren nicht sehr hoch, da die erste Runde dieser Gespr\u00e4che im vergangenen Jahr ein schwaches Ergebnis erbracht hatte und au\u00dferdem die Vertreter der Zivilgesellschaft von den Gespr\u00e4chen weitgehend ausgeschlossen waren (siehe DAKS-Newsletter 10\/2010). Vielleicht hat der damalige heftige Protest geholfen, denn diesmal durften die Campaigner allen Debatten beiwohnen und bekamen auch Gelegenheit, ihre Positionen zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. M\u00e4rz legte der PrepCom-Vorsitzende Roberto Garc\u00eda Morit\u00e1n ein Arbeitspapier vor, das zwar ausdr\u00fccklich inoffiziellen Status besitzt, m\u00f6glicherweise jedoch in Struktur, Form und Inhalt bereits eine erste Skizze f\u00fcr ein k\u00fcnftiges Waffenhandelsabkommen darstellt. Es scheint, dass sich auch hier die intensive Kampagnenarbeit ausgezahlt hat, denn trotz teils erheblicher M\u00e4ngel enth\u00e4lt das neue Dokument einige wichtigen NRO-Forderungen und ber\u00fccksichtigt zum Beispiel die \u201egoldene Regel\u201c f\u00fcr Genehmigungskriterien (siehe unten).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Bedenkliche L\u00fccken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es bleibt viel zu tun. Die vorl\u00e4ufige Liste der kontrollpflichtigen R\u00fcstungsg\u00fcter ist nach wie vor l\u00fcckenhaft. Zwar sind darin neben milit\u00e4rischen Gro\u00dfwaffen auch Kleinwaffen und leichte Waffen sowie Munition enthalten, doch es fehlen Dual-use-G\u00fcter und speziell im Inneren eingesetzte Sicherheitstechnik. Wie verheerend sich Missbrauch damit auswirken kann, zeigen die aktuellen Vorg\u00e4nge in Nordafrika und einigen arabischen L\u00e4ndern. So werden zum Beispiel in Libyen erst vor kurzem gelieferte Schusswaffen aus Belgien und Handyst\u00f6rsender aus Deutschland von den \u201eSicherheitskr\u00e4ften\u201c des Gaddafi-Regimes eingesetzt, um die libysche Demokratiebewegung niederzuschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist au\u00dferdem noch nicht gesichert, dass Kleinwaffen und leichte Waffen am Ende wirklich durch den ATT erfasst werden. Zwar hat sich die Mehrheit der Regierungen daf\u00fcr ausgesprochen, doch China und einige andere Staaten wollen das Kontrollabkommen lediglich auf die sieben Gro\u00dfwaffen-Kategorien des UN-Registers f\u00fcr konventionelle Waffen beschr\u00e4nken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schwieriger Unterst\u00fctzer USA<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die USA spielen weiterhin eine problematische Rolle. Trotz seiner grunds\u00e4tzlichen ATT-Unterst\u00fctzung lehnt der weltgr\u00f6\u00dfte Waffenexporteur strikt die Einbeziehung von Munition f\u00fcr Kleinwaffen ab und begr\u00fcndet dies mit angeblichen Problemen bei Markierung und Nachverfolgung. Eigenartig ist dabei, dass die USA selbst die Ausfuhr von Munition durchaus kontrollieren. Vermutungen \u00fcber den Grund f\u00fcr diesen Widerspruch reichen von einem Einknicken der US-Regierung gegen\u00fcber der einheimischen Waffenlobby bis zu ihrem Unwillen, \u00fcber Munitionsexporte offen zu berichten. Die deutsche Delegation signalisierte in New York, gegebenenfalls eine entsprechende Ausnahme bei der Berichtspflicht zu akzeptieren, um Munition im ATT und die USA weiter an Bord zu behalten. Ob ein solches Entgegenkommen besonders hilfreich w\u00e4re, darf jedoch bezweifelt werden, da erstens Transparenz eine zentrale Rolle bei R\u00fcstungstransferkontrolle spielt und zweitens eine Reihe weiterer Differenzen zwischen den USA und der ATT-freundlichen Staatenmehrheit besteht. So wurde in New York die besonders strittige Frage, ob ein ATT am Ende im Konsens (Position u.a. der USA) oder mit Mehrheit (gem\u00e4\u00df Gesch\u00e4ftsordnung der UN-Generalversammlung) beschlossen werden soll, einstweilen vertagt. Ein weiteres Problemfeld ist die Einbeziehung von Forschung und Technologie. Die USA haben (ebenso wie Kanada) dagegen votiert, da sonst ein Tor zur Kontrolle von Dual-use-G\u00fctern ge\u00f6ffnet w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tauziehen um Menschenrechte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Erfreulicherweise enth\u00e4lt das aktuelle Diskussionspapier im Vergleich zum ersten Entwurf, den Morit\u00e1n im Vorfeld des Treffens vorgelegt hatte, sehr restriktive Formulierungen zu den Genehmigungskriterien. Hie\u00df es zuvor noch: \u201eStates should take into consideration following criteria\u201c, steht darin jetzt: \u201e\u2026 shall apply the following criteria\u201c und \u201e\u2026 shall not authorize a transfer if there is a substantial risk\u2026\u201c. Diese Gebots- bzw. Verbotssprache bewegt sich ganz auf der Linie der von Control Arms seit langem geforderten \u201egoldenen Regel\u201c, wonach Staaten keine Genehmigungen f\u00fcr den Transfer von R\u00fcstungstransfers erteilen d\u00fcrfen, wenn damit das Humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht, die Menschenrechte oder die nachhaltige Entwicklung bedroht w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal \u00fcberhaupt akzeptierte sogar China die Aufnahme der Menschenrechte als Genehmigungskriterium, entwertete diesen scheinbaren Sinneswandel jedoch mit dem Vorbehalt, dies solle nur f\u00fcr jene Staaten gelten, die entsprechende v\u00f6lkerrechtliche Verpflichtungen eingegangen seien. Geradezu zynisch war die Haltung von Bahrain, dessen Regierung zur selben Zeit im eigenen Land auf friedlich protestierende B\u00fcrger schie\u00dfen lie\u00df. In New York erkl\u00e4rte die Delegation n\u00e4mlich, nichts gegen Menschenrechte als ATT-Kriterium zu haben, nur d\u00fcrften diese nicht \u201epolitisiert\u201c werden. Wie gewohnt sprachen sich Algerien, Russland, Pakistan ganz offen gegen ein Menschenrechtskriterium aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorentscheidendes Juli-Treffen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts des Ausma\u00dfes der verbleibenden Differenzen erscheint es heute nur schwer vorstellbar, dass sich die Staaten beim dritten und letzten Treffen des Vorbereitungsausschusses vom 11. bis 15. Juli auf eine konsensf\u00e4hige Grundlage f\u00fcr ein umfassendes und restriktives Abkommen einigen werden, das dann ein Jahr sp\u00e4ter, im Sommer 2012, in New York bei einer Verhandlungskonferenz zur Unterschriftsreife gebracht werden k\u00f6nnte. Doch wie Daniel Mack von der brasilianischen NRO Instituto Sou da Paz nach der Konferenz in seinem Blog schrieb: \u201eNiemand hat behauptet, es w\u00fcrde einfach werden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr Informationen im Internet:<\/p>\n\n\n\n<p>Kampagnenb\u00fcndnis \u201eControl Arms\u201c: <a href=\"http:\/\/www.controlarms.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.controlarms.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dokumentation PrepCom und ATT-Blog \u2013\u201eArms Trade Treaty Monitor\u201c: <a href=\"http:\/\/attmonitor.posterous.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/attmonitor.posterous.com\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Kommentare PrepCom \u2013\u201eReaching Critical Will\u201c: <a href=\"http:\/\/www.reachingcriticalwill.org\/legal\/att\/prepcom2\/monitor.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/www.reachingcriticalwill.org\/legal\/att\/prepcom2\/monitor.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Visualisierung von ATT-Positionen \u2013\u201eMapping The Arms Trade Treaty\u201c <a href=\"http:\/\/www.armstreaty.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.armstreaty.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dictators\u2019 best friend <\/strong>\u2013 <strong>Deutsche Waffenhilfe f\u00fcr die Diktatoren in \u00c4gypten, Libyen und Saudi-Arabien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>von J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin (DFG-VK \/ RIB)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden geben wir Ausz\u00fcge aus einem Hintergrundartikel von J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin wieder, der in Heft 1\/2011 der <a href=\"http:\/\/www.zc-online.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zivilcourage<\/a> (Verbandszeitschrift der DFG-VK) auf S. 15-17 erschienen ist. Der vollst\u00e4ndige Text, mit Erl\u00e4uterungen zur Menschenrechtssituation in den betreffenden L\u00e4ndern und zu weiteren Waffenfirmen, findet sich auf der Internetseite der <em>Zivilcourage<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tatort \u00c4gypten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4gyptens Hauptwaffenlieferant waren und sind die USA. Zudem verf\u00fcgten Mubaraks Sicherheitskr\u00e4fte \u00fcber ein reichhaltiges Waffenarsenal \u2013 auch aus deutschen Landen. Innerhalb eines Jahres wurde der Genehmigungswert f\u00fcr den Export von Waffen und R\u00fcstungsg\u00fctern seitens der Bundesregierung von 33,6 Millionen Euro (2008) auf 77,5 Millionen Euro (2009) mehr als verdoppelt. Geliefert wurden milit\u00e4rische Landfahrzeuge, gepanzerte Fahrzeuge, Teile f\u00fcr Panzer und Kommunikationsausr\u00fcstung. Paul Russmann, Sprecher der Kampagne gegen R\u00fcstungsexport bei Ohne R\u00fcstung Leben (ORL), wies Ende Januar darauf hin, dass \u201e\u00c4gypten mittlerweile sogar das bedeutendste Empf\u00e4ngerland in der Liste der aus Deutschland belieferten Entwicklungsl\u00e4nder\u201c ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der hohen Opferzahlen sind gerade Einzelgenehmigungen f\u00fcr so genannte \u201eKleinwaffen\u201c besonders folgenschwer. Zu ihnen z\u00e4hlen laut Definition der Vereinten Nationen Waffen, die von einer oder zwei Personen getragen werden, beispielsweise Maschinenpistolen, Schnellfeuer- und Maschinengewehre oder M\u00f6rser geringeren Kalibers. Dank deutscher Waffentransfers an das diktatorische Regime Mubarak verf\u00fcgte die f\u00fcr ihre r\u00fccksichtslose Vorgehensweise bekannte \u00e4gyptische Polizei \u00fcber Maschinenpistolen des Typs MP5, entwickelt von Heckler &amp; Koch in Oberndorf. Allein im Jahr 2009 hat die Bundesregierung den Export weiterer 884 Maschinenpistolen und Bestandteile im Wert von 866.037 Euro an die Machthaber in Kairo genehmigt, wie sich aus dem entsprechenden Regierungsbericht ergibt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tatort Libyen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Libyens Hauptwaffenlieferant war und ist Russland. Allerdings z\u00e4hlte auch Deutschland zu den Gesch\u00e4ftspartnern des diktatorischen Gaddafi\u2013Regimes.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im Jahr nach der Aufhebung des Waffenembargos von 2004 genehmigte der Bund den Export milit\u00e4rischer Gel\u00e4ndewagen. In den Jahren danach erteilte die jeweilige Bundesregierung die Genehmigungen zum Transfer von Hubschraubern und Hubschrauberteilen, Kommunikationsausr\u00fcstung, Splitterschutzanz\u00fcgen und St\u00f6rsendern nach Libyen. Leider sind diese St\u00f6rsender optimal dazu geeignet, die Kommunikation der Widerstandsbewegung per Handy, Twitter oder Facebook zu unterbinden und sind damit \u00e4u\u00dferst effizient in den H\u00e4nden des Regimes.<\/p>\n\n\n\n<p>In Tripolis, der Hauptstadt Libyens, unterh\u00e4lt die EADS eigens eine Repr\u00e4sentanz (erreichbar \u00fcber Tel.: +218 21 335-1026, Fax: -1275). Bereits im August 2007 best\u00e4tigte die EADS auf ihrer Homepage, dass Verhandlungen f\u00fcr einen Vertrag \u00fcber die Lieferung des Panzerabwehrsystems Milan durch MBDA \u201eheute nach 18-monatiger Diskussions- und Verhandlungsdauer abgeschlossen\u201c worden seien. Bei der MBDA handelt es sich um ein R\u00fcstungsunternehmen, bei dem die EADS und BAE Systems mit je 37,5% die f\u00fchrenden Anteilseigner stellen. Damals stand nach Firmenangaben auch der \u201eVertrag \u00fcber die Lieferung eines sicheren Tetra-Kommunikationssystems [\u2026] kurz vor dem Abschluss\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Um eine imagesch\u00e4digende Diskussion in Deutschland zu vermeiden, sollte der Export der Panzerabwehrraketen Milan \u2013 gesch\u00e4tzter Wert dieses Waffendeals: 168 Millionen Euro \u2013 seitens der EADS-Tochter MBDA \u00fcber Frankreich erfolgen. Desgleichen sollte der Deal der EADS-Kommunikationssysteme f\u00fcr 128 Millionen Euro \u00fcber den Vertragspartner Frankreich abgewickelt werden. Geschickt gemacht, denn das vermeintliche Saubermann-Image konnte die EADS hierzulande wahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Von 2008 auf 2009 verdreizehnfachte die Bundesregierung das Genehmigungsvolumen deutscher Waffentransfers auf 53 Millionen Euro. Wenn die Demokratiebewegung vor allem in Tripolis und anderen St\u00e4dten unterdr\u00fcckt wird und Menschen zu Abertausenden aus Libyen fliehen m\u00fcssen, dann trifft auch die Verantwortlichen in Berlin Mitschuld.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, inwiefern von Deutschland aus auch illegal Waffen an das Regime Gaddafi geliefert worden sind, ist offen. Anfang M\u00e4rz 2011 tauchte ein erster Kurzfilm auf der Internet-Plattform <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=I1psGPM7Upk\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">YouTube<\/a> auf, der augenscheinlich den Einsatz von G36-Gewehren in den H\u00e4nden der Familie Gaddafi belegt. Die Sturmgewehre, entwickelt von Europas \u201et\u00f6dlichstem\u201c Unternehmen Heckler &amp; Koch, z\u00e4hlen zu den treffsichersten Waffen weltweit. Ihre Fertigung erfolgt in Oberndorf und in Santa B\u00e1rbara Sistemas (Spanien) \u2013 und alsbald auch in Saudi-Arabien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bundesregierung muss klarstellen, ob sie der Heckler &amp; Koch GmbH oder dem Lizenznehmer Santa B\u00e1rbara Sistemas eine G36-Ausfuhrgenehmigung f\u00fcr Libyen erteilt hat. Falls nicht, muss sie der \u00d6ffentlichkeit mitteilen, \u00fcber welche widerrechtlichen Kan\u00e4le die Sturmgewehre in die Konfliktregion Libyen gelangt sind und welche strafrechtlichen Schritte sie gegen den oder die Verantwortlichen eingeleitet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch an die Adresse der M\u00fcnchener Staatsanwaltschaft sind Fragen zu richten: Aus welchem Grund wurde das Verfahren gegen Saif Gaddafi, zweit\u00e4ltester Sohn des Diktators, trotz offensichtlichen Waffenhandels Anfang 2011 eingestellt? Handelt es sich bei dem in dem YouTube-Video gezeigten G36-Gewehr um die Waffe, die nach Paris und dann m\u00f6glicherweise nach Libyen geschmuggelt wurde?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tatort Saudi-Arabien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcstungsexportbericht der Bundesregierung listet bei Einzelgenehmigungen in Drittl\u00e4nder auf, welche Kleinwaffenexporte genehmigt worden sind: Demnach durften im Jahr 2007 ganz legal 5.135 Gewehre im Wert von 7,3 Millionen Euro nach Saudi-Arabien exportiert werden. Insgesamt betrug die Summe der Ausfuhren kommerzieller Kriegswaffen nach Riad allein im Jahr 2007 10,1 Millionen Euro.<\/p>\n\n\n\n<p>Zurzeit wird in Saudi-Arabien in Lizenz von Heckler &amp; Koch ein Produktionswerk f\u00fcr das Sturmgewehr G36 errichtet. Laut Aussagen von Insidern, soll die Oberndorfer Waffenschmiede allein durch dieses Projekt einen Umsatz 220 Millionen Euro verbuchen k\u00f6nnen \u2013 fast soviel wie der Jahresumsatz 2009 der gesamten Heckler &amp; Koch GmbH, der bei 235 Millionen Euro gelegen hat. Mit Blick auf erfolgreich verlaufende Waffengesch\u00e4fte meldete das Unternehmen Ende Februar 2011, man erwarte f\u00fcr das zur\u00fcckliegende Gesch\u00e4ftsjahr eine \u201edeutliche Umsatz- und Ergebnissteigerung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2008 wird Saudi-Arabien sogar in den Top Ten der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder deutscher Waffen gef\u00fchrt \u2013 Tendenz weiter steigend. Die Bundesregierung unter der F\u00fchrung von Angela Merkel bef\u00fcrwortete in den Jahren den Export all der \u201eGer\u00e4te\u201c, deren Besitz das Herz eines Diktators und seiner Schergen h\u00f6her schlagen l\u00e4sst. 2009 genehmigte der Bund unter anderem den Export von Teilen f\u00fcr Feuerleiteinrichtungen, Boden\u00fcberwachungsradar, Teile f\u00fcr Tank- und Kampfflugzeuge, Tankflugzeuge, Teile f\u00fcr Raketen, Granaten, elektronische Kampff\u00fchrung und Grenzsicherungssysteme.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Transfer von Waffen und R\u00fcstungsg\u00fctern f\u00fcr Saudi-Arabien umfasste 2009 den Genehmigungswert von 167,9 Millionen Euro \u2013 das ist rund das zweieinhalbfache Volumen f\u00fcr \u00c4gypten (77,5 Mio.) und sogar mehr als das dreifache f\u00fcr Libyen (53,1 Mio). Damit rangiert das diktatorische K\u00f6nigshaus in Saudi-Arabien offiziell auf Platz 6 der deutschen Empf\u00e4ngerl\u00e4nder. Das Vereinigte K\u00f6nigreich rangiert gar auf Platz 3 der wichtigsten Bestimmungsl\u00e4nder deutscher Waffenexporte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Kampfflugzeugen des Typs Eurofighter\/Typhoon lassen sich Kritiker innerhalb und au\u00dferhalb des Landes abschrecken und kriegerische Auseinandersetzungen gewinnen. Mit aus Deutschland gelieferten oder in Eigenproduktion gefertigten G36-Sturmgewehren von Heckler &amp; Koch l\u00e4sst sich die kritische Opposition unterdr\u00fccken. Mit dem EADS-Grenzsicherungsprogramm lassen sich zuk\u00fcnftig Fluchtversuche aus dem Land \u00fcberwachen und gegebenenfalls unterbinden. W\u00fcrde die Demokratiebewegung in Saudi-Arabien wagen, sich \u2013 wie in Tunesien oder \u00c4gypten \u2013 zu formieren und auf die Stra\u00dfe zu gehen, m\u00fcssten die Menschen mit dem Schlimmsten rechnen: Demonstrationen k\u00f6nnten auch mit deutschen R\u00fcstungsg\u00fctern und Waffen blutig niedergeschlagen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Links<\/strong><strong> zum Thema<\/strong><strong>:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcstungsexportberichte der Bundesregierung, der GKKE und SIPRI sowie weitere Informationen \u00fcber R\u00fcstungsexporte siehe <a href=\"http:\/\/www.dfg-vk.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.dfg-vk.de<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.rib-ev.de\/\">www.rib-ev.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcstungsexporte nach \u00c4gypten siehe<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.bicc.de\/ruestungsexport\/pdf\/countries\/2010_aegypten.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/www.bicc.de\/ruestungsexport\/pdf\/countries\/2010_aegypten.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcstungsexporte nach Libyen siehe<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.bicc.de\/ruestungsexport\/laenderportraets.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.bicc.de\/ruestungsexport\/laenderportraets.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Titelgeschichte der n\u00e4chsten Ausgabe der <em>Zivilcourage<\/em> wird die neue Kampagne \u201eAktion Aufschrei: Stoppt den Waffenhandel!\u201c vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Die deutsche Libyen-Politik \u2013 ein Scherbenhaufen<\/h2>\n\n\n\n<p>Deutschland hat sich enthalten. Die UN-Resolution 1973 wurde am 17.3.2011 dennoch verabschiedet und seitdem ringen die politischen Verantwortlichen um Schadensbegrenzung und <a href=\"http:\/\/www.auswaertiges-amt.de\/DE\/Infoservice\/Presse\/Interviews\/2011\/110324-BM-SZ.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Au\u00dfenminister Westerwelle<\/a> zeigte sich \u00e4u\u00dferst eloquent, als es darum ging, Erkl\u00e4rungen f\u00fcr das deutsche Abstimmungsverhalten zu formulieren. In der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 24.3. ver\u00f6ffentlichte er einen Artikel, indem er ausf\u00fchrte, die Bundesregierung habe sich grunds\u00e4tzlich entschieden, \u201edass sie keine deutschen Soldaten in den Kampfeinsatz in Libyen schickt. [\u2026] Unser Stimmverhalten im Sicherheitsrat war die logische Konsequenz unserer gr\u00fcndlich erwogenen Abw\u00e4gungsentscheidung.\u201c Abgewogen wurden, so der Au\u00dfenminister, die m\u00f6glichen Folgen eines Milit\u00e4rschlags. \u201eAbgesehen von den zivilen Opfern, mit denen gerechnet werden musste: Was ist, wenn das Eingreifen mit Luftschl\u00e4gen den B\u00fcrgerkrieg nicht beendet? Gehen dann doch noch Bodentruppen rein? Ist das Risiko der Eskalation beherrschbar? Ist die Unterst\u00fctzung aus der arabischen Welt wirklich so eindeutig, wie behauptet? Die Resolution der Arabischen Liga war es jedenfalls nicht, die Stellungnahmen aus der arabischen Welt nach Beginn der Luftschl\u00e4ge sind es auch nicht. Wie sieht die angek\u00fcndigte Beteiligung der arabischen Welt an dem Einsatz heute denn tats\u00e4chlich aus? Besteht dann am Ende nicht doch die Gefahr des Eindrucks einer Intervention des Westens? Was hei\u00dft das f\u00fcr die weitere Entwicklung in der arabischen Welt, was f\u00fcr die Freiheitsbewegungen und Reformbestrebungen in den anderen L\u00e4ndern Nordafrikas?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Dimensionen g\u00e4be es demnach zu bedenken: 1.) die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs von Milit\u00e4rschl\u00e4gen, verbunden mit dem Problem m\u00f6glicher \u201aKollateralsch\u00e4den\u2018 und einer m\u00f6glichen Eskalation des Konflikts. Und 2.) die m\u00f6glichen Reaktionen der arabischen Welt auf einen UN-mandatierten Milit\u00e4reinsatz westlicher Armeen in Libyen. Es ist auffallend, dass diesem zweiten Aspekt wesentlich mehr Raum einger\u00e4umt wird, w\u00e4hrend die Situation der libyschen Zivilbev\u00f6lkerung keine Rolle spielt. Beziehungsweise nur, insofern \u201aKollateralsch\u00e4den\u2018 nicht akzeptabel w\u00e4ren. Dieses auffallende Schweigen tritt auch dann auf, wenn Westerwelle die Situation in Libyen analysiert. Er kommt zu dem Schluss: \u201eDie Menschenrechtsverletzungen des Gaddafi-Regimes sind ein gro\u00dfes Unrecht und lassen niemanden kalt. Der Diktator muss gehen und f\u00fcr seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden. F\u00fcr uns ist die Alternative zum milit\u00e4rischen Eingreifen nicht Tatenlosigkeit. Wir haben uns daf\u00fcr eingesetzt, dass der Internationale Strafgerichtshof befasst wird. Wir haben auf scharfe Sanktionen gedr\u00e4ngt. Wir leisten humanit\u00e4re Hilfe. Wir wollen ein \u00d6lembargo und ein Zahlungsmoratorium, damit Gaddafi und seine Leute nicht an frisches Geld herankommen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig offen bleibt an dieser Stelle, auf welche Menschenrechtsverletzungen Gaddafis sich Westerwelle bezieht. Diejenigen der letzten 30 Jahre, in denen Gaddafi Libyen beherrscht? Diejenigen seit Mitte Februar? Solche gegen libysche Staatsb\u00fcrger? Oder solche, die aus seiner Unterst\u00fctzung des internationalen Terrorismus resultieren? V\u00f6llig offen ist auch, welchen kurzfristigen Effekt ein Zahlungsmoratorium und ein Abbruch der Handelsbeziehungen haben soll bzw. wie dadurch der B\u00fcrgerkrieg beendet werden soll. V\u00f6llig offen ist, wem humanit\u00e4re Hilfe gew\u00e4hrt werden soll: Nur den Zivilisten, die in den von den Rebellen beherrschten Gebieten leben, oder allen Libyern, die auf Grund des Krieges Hilfe n\u00f6tig haben? Wirklich zu begr\u00fc\u00dfen ist lediglich die Offenheit mit der Westerwelle bereits am 24.3. bekannt gegeben hat, dass der Sturz Gaddafis und ein damit verbundener Regime-Wechsel das erkl\u00e4rte Ziel \u2013 vielleicht nicht der UN, aber Deutschlands \u2013 ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer friedensethischen Perspektive sind all diese Auslassungen vollkommen inakzeptabel. Genauso wie die politischen Positionen, die damit faktisch eingenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen, in denen in fast allen L\u00e4ndern der arabischen Welt politische Reformen gefordert werden, eine Politik der Nichteinmischung proklamiert, richtet sich damit ausschlie\u00dflich an die derzeit dort herrschenden Klassen. Damit verbunden ist ein absolutes Desinteresse an der Situation der Zivilgesellschaft in diesen L\u00e4ndern. \u2013 Wie ja auch an der Erkl\u00e4rung Westerwelles zum deutschen Abstimmungsverhalten ablesbar ist. Seit Jahrzehnten empfangen die Potentaten in der arabischen Welt westliche R\u00fcstungstechnologie. Allein die Waffenlieferungen nach Libyen nahmen dabei, seit im Jahr 2004 das EU-Waffenembargo aufgehoben wurde, teils dramatische Ausma\u00dfe an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><strong>Jahr<\/strong><\/td><td><strong>Waffentyp (soweit bekannt)<\/strong><\/td><td><strong>Wert<\/strong> <strong>in Euro<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>2009<\/td><td>Kommunikationsausr\u00fcstung, St\u00f6rsender und Teile f\u00fcr Kommunikationsausr\u00fcstung (A0011 \/ 81,4 %)<\/td><td>53.154.423<\/td><\/tr><tr><td>2008<\/td><td>Kommunikationsausr\u00fcstung und Teile f\u00fcr Kommuni\u00adkationsausr\u00fcstung (A0011 \/ 58,7%); Gefechtsfeld\u00fcberwachungsradar und Teile f\u00fcr Gefechtsfeld\u00fcberwachungsradar (A0005 \/ 28,2%)<\/td><td>4.182.317<\/td><\/tr><tr><td>2007<\/td><td>Hubschrauber und Teile f\u00fcr Hubschrauber (A0010 \/ 66,2%); Detektionsausr\u00fcstung, Dekontaminationsausr\u00fcstung, ABC-Schutzbekleidung und Teile f\u00fcr Detektionsausr\u00fcstung und Dekontami\u00adnationsausr\u00fcstung (A0007 \/ 32,6%)<\/td><td>23.844.875<\/td><\/tr><tr><td>2006<\/td><td>Kommunikationsausr\u00fcstung und Teile (A0011 \/ 58,8%); Splitterschutzanz\u00fcge (A0013 \/ 39,3%)<\/td><td>1.995.385<\/td><\/tr><tr><td>2005<\/td><td>Gel\u00e4ndewagen (A0006)<\/td><td>305.311<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Unber\u00fccksichtigt bleiben hierbei ungenehmigte Waffenlieferungen nach Libyen, die unter Umgehung der deutschen R\u00fcstungsexportkontrollgesetzgebung trotzdem erfolgreich ausgef\u00fchrt wurden. Bekannt sind Lieferungen von G3-Sturmgewehren aus griechischer Lizenzproduktion, die in den 1980er Jahren stattfanden (vgl. <a href=\"https:\/\/www.rib-ev.de\/daks\/daks-kleinwaffen-newsletter\/newsletter-04-06.pdf\">DAKS-Newsletter <\/a><a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/newsletter-04-06.pdf\">4<\/a><a href=\"https:\/\/www.rib-ev.de\/daks\/daks-kleinwaffen-newsletter\/newsletter-04-06.pdf\">\/2006<\/a>). Bekannt ist aber auch, dass G36-Sturmgewehre \u2013 \u00e4hnlich wie schon nach Georgien (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2008-08.pdf\">DAKS-Newsletter 8\/2008<\/a>) \u2013 ihren Weg nach Libyen gefunden zu haben scheinen (vgl. DAKS-Newsletter 03\/2011). M\u00f6glich, aber nicht belegt scheint, dass Munition des zur brasilianischen Companhia Brasileira de Cartuchos (CBC) geh\u00f6renden, deutschen Unternehmens MEN \u00fcber oder aus Brasilien nach Libyen exportiert worden sein k\u00f6nnte. Belegt sind mehrfache Munitionslieferungen von CBC an das Gaddafi-Regime (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2010-07.pdf\">DAKS-Newsletter 7\/2010<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn diese Waffen nun gegen die Bev\u00f6lkerungen eingesetzt werden, wie in Bahrain, im Jemen und eben in Libyen, dann muss sich gerade Deutschland, der weltweit drittgr\u00f6\u00dfte Waffenexporteur, fragen lassen, welche Verantwortung es daf\u00fcr tr\u00e4gt und wie es darauf reagieren m\u00f6chte. Eine Position der Neutralit\u00e4t ist hierbei grunds\u00e4tzlich nicht mehr m\u00f6glich. Wenn sich Deutschland aber engagiert, so muss die vorrangige Frage lauten: f\u00fcr Wen und Wem zum Nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es muss kaum hinzugef\u00fcgt werden, dass die von der NATO-Koalition ge\u00fcbte Praxis, die Gaddafi-Gegner mit Waffen auszur\u00fcsten \u2013 und nun auch mit Milit\u00e4rberatern zu unterst\u00fctzen \u2013 rational plausibel ist. Genauso steht aber au\u00dfer Frage, dass die scheinbare Notwendigkeit solcher Lieferungen, die einen Bruch des geltenden UN-Waffenembargos darstellen, erst durch deutsche und generell \u201ewestliche\u201c Waffenlieferungen geschaffen wurde. Das gleiche gilt f\u00fcr die Entsendung von Milit\u00e4rberatern. Bereits in den Jahren 2005 und 2006 haben ehemalige und aktive Angeh\u00f6rige des Sondereinsatzkommandos der nordrhein-westf\u00e4lischen Polizei im Auftrag der \u201eBdb Protection GmbH\u201c etwa 120 libysche Sicherheitskr\u00e4fte im Anti-Terrorkampf ausgebildet (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2010-10.pdf\">DAKS-Newsletter 10\/2010<\/a>). Wenn nun die Gaddafi-Gegner entsprechend geschult werden, so erw\u00e4chst die Notwendigkeit, dies zu tun, erst aus den geleisteten Milit\u00e4rhilfen.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4sst man die Entscheidungen der Bundesregierung im Hinblick auf den Krieg in Libyen Revue passieren, so werden \u2013 wie schon in der Erkl\u00e4rung Westerwelles \u2013 gewisse Grundentscheidungen deutlich, die Zweifel daran aufkommen lassen, ob die Verantwortung, die Deutschland f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Eskalation des libyschen B\u00fcrgerkriegs tr\u00e4gt, in der konkreten Politikgestaltung wirklich ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>So beschloss die Regierung getreu der Pr\u00e4misse, sich mit keinen Soldaten am Kampfgeschehen zu beteiligen, die unter NATO-Kommando im Mittelmeer eingesetzten Besatzungen der AWACS-Flugzeuge abzuziehen. Eine Luftraum-\u00dcberwachung Libyens war unter diesen Umst\u00e4nden nicht mehr m\u00f6glich. Da das aber nat\u00fcrlich nicht geht, beschloss der Bundestag mit den Stimmen der Regierungskoalition am 25. M\u00e4rz, AWACS-Flugzeuge der Bundeswehr nach Afghanistan zu verlegen, wodurch die derzeit dort eingesetzten Maschinen der NATO-Alliierten nach Libyen verlegt werden konnten. Die Bundesregierung hat auf diese Weise \u2013 unterst\u00fctzt vom Bundestag \u2013 den Luftkrieg in Libyen erm\u00f6glicht und, ohne dass dies in irgendeiner Weise thematisiert worden w\u00e4re, den umstrittenen Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ausgeweitet. Au\u00dfenminister Westerwelle betonte, laut Informationen von <a href=\"http:\/\/de.reuters.com\/article\/domesticNews\/idDEBEE72O0AM20110325\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Reuters<\/a> im Verlauf der Bundestagsdebatte: \u201eWir beteiligen uns nicht mit Soldaten an einem Kampfeinsatz in Libyen.\u201c Diese Aussage ist nur dann zutreffend, wenn man einen sehr eingeschr\u00e4nkten Begriff von \u201eBeteiligung\u201c anwendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitte April begann die Debatte, ob die EU eine Aktion zur milit\u00e4rischen Absicherung der von der UN geleisteten Humanit\u00e4ren Hilfe vorbereiten und durchf\u00fchren soll, obwohl die UN-Resolution 1973 den Einsatz von Bodentruppen ausdr\u00fccklich verbietet. Westerwelle teilte, wie das <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/eu-bereitet-militaereinsatz-in-libyen-vor\/4053912.html?p4053912=2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Handelsblatt<\/a> berichtet, im Rahmen eines Treffens der Au\u00dfenminister am 11. April in Luxemburg mit: \u201eVerwundeten, Kriegsopfern zu helfen, dazu sind wir bereit.\u201c Und das eben auch mit Soldaten zur milit\u00e4rischen Sicherung von Hilfsg\u00fcter-Korridoren, Evakuierung oder Versorgung von Verletzten und Fl\u00fcchtlingen. Wie oben erw\u00e4hnt, ist Humanit\u00e4re Hilfe so lange nicht \u201eneutral\u201c, wie sie nicht allen Hilfsbed\u00fcrftigen zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Die milit\u00e4rische Durchsetzung von Hilfskorridoren in noch umk\u00e4mpften St\u00e4dten und Gebieten ist alles andere als neutral. Es stellt ein direktes und parteiisches Eingreifen in den B\u00fcrgerkrieg dar. Wenn <a href=\"http:\/\/www.eu-info.de\/dpa-europaticker\/186470.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Oxfam<\/a> vor einer entsprechenden Milit\u00e4rintervention warnt, so kann man sich dem nur anschlie\u00dfen. Wenn die Bundesregierung signalisiert, ein solches Engagement grunds\u00e4tzlich \u2013 auch mit Soldaten \u2013 zu unterst\u00fctzen, dann karikiert sie damit ihre eigene Politik und f\u00fchrt ihr Abstimmungsverhalten im Rahmen der UN ad absurdum.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weniger schizophren ist es, wenn Deutschland Humanit\u00e4re Hilfe gerade auch f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge an der lybisch-\u00e4gyptischen Grenze mit zuletzt insgesamt 7 Millionen Euro finanziert, aber es gleichzeitig ablehnt, Kriegsfl\u00fcchtlinge aufzunehmen, die es geschafft haben, die mit deutschen Waffen gesch\u00fctzte EU-Grenze zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfenminister Westerwelle tr\u00e4gt als Ressortchef die Verantwortung f\u00fcr diese Politik. Vielleicht sollte er, \u00e4hnlich wie Ex-Verteidigungsminister Guttenberg, \u00fcber einen R\u00fccktritt nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Generelles Exportverbot f\u00fcr Heckler &amp; Koch-Waffen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Bundestagsfraktion von <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/052\/1705204.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen<\/a> hat beantragt, Heckler &amp; Koch bis zum Abschluss s\u00e4mtlicher derzeit anh\u00e4ngiger Strafverfahren keine Genehmigungen mehr zum Export von Waffen zu erteilen. Begr\u00fcndet wird der Antrag damit, dass es derzeit v\u00f6llig ungekl\u00e4rt sei, wie Waffen des Unternehmens \u2013 ohne entsprechende Exportgenehmigung durch die Bundesregierung \u2013 in Krisengebiete gelangt sind. Etwa nach Georgien, aber auch an das US-Sicherheitsunternehmen Blackwater.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine direkte Stellungnahme von Heckler &amp; Koch zu diesem Antrag ist bisher nicht erfolgt, allerdings hat das Unternehmen eine <a href=\"http:\/\/www.heckler-koch.de\/HKWebNews\/byItemID\/\/\/47\/3\/3\/15\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stellungnahme<\/a> zu \u201eSpekulationen \u00fcber Waffenlieferungen nach Libyen\u201c ver\u00f6ffentlicht. Das Unternehmen teilt darin mit, dass interne Untersuchungen ergeben haben, dass es zu keinem Zeitpunkt Waffen-Lieferungen der \u201eHeckler &amp; Koch GmbH oder ihr verbundene Unternehmen oder Organisationen\u201c nach Libyen gegeben habe. Im Hinblick auf das Auftauchen von Bildbeweisen zur Pr\u00e4senz von Heckler &amp; Koch-Sturmgewehren des Typs G36 in Libyen teilt das Unternehmen mit: \u201eF\u00fcr das Auftauchen von Bildern eines Gaddafi S\u00f6ldners\/Sohnes mit einem G36 bleiben die beiden M\u00f6glichkeiten, dass es sich entweder um eine G36-Nachbildung als Soft-Air-Waffe oder tats\u00e4chlich um eine Echtwaffe handelt, die unrechtm\u00e4\u00dfig \u00fcber einen Heckler &amp; Koch nicht bekannten Weg beschafft wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon, dass die These, ein Gaddafi-Sohn w\u00fcrde es vorziehen, eine Softair-Waffe zu tragen, solange diese nur ein G36 imitiert, sehr am\u00fcsant ist, sind die grunds\u00e4tzlichen Auslassungen von HK sehr zu begr\u00fc\u00dfen. Das Problem ist nur, das niemand jemals behauptet hat, entsprechende Waffen seien auf direktem Weg nach Georgien oder Libyen gelangt. Aber dass sie dorthin gelangt sind, ist das Problem und zeigt, dass die geltende R\u00fcstungsexportpraxis \u00fcberpr\u00fcft werden muss, da der Endverbleib der Waffen offensichtlich nicht garantiert werden kann. Nicht vom Hersteller, nicht vom K\u00e4ufer und nicht durch die Bundesregierung. Unter diesen Umst\u00e4nden einfach weiter zu exportieren, ist jedoch keine L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>5. <\/strong><strong>Otfried Nassauer im HR-Interview: Waffenfirmen leben vom Export<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Leiter des Berliner Informationszentrums f\u00fcr Transatlantische Sicherheit (BITS), Otfried Nassauer, gab dem Hessischen Rundfunk am 22. Februar ein Interview zum Thema deutscher R\u00fcstungsexport. Dabei ging es auch um Waffenlieferungen an das Regime in Libyen oder andere nordafrikanische bzw. arabische Staaten. Nassauer wies darauf hin, wie extrem langlebig Handfeuerwaffen sind und dass den fr\u00fcheren Bundesregierungen die Weitsicht gefehlt habe, was die Belieferung \u201eautokratischer Herrscher\u201c eines Tages bedeuten k\u00f6nne. Er sprach aber auch die aktuellen Exporte und Technologietransfers an, etwa den Aufbau einer Fabrik f\u00fcr G36-Gewehre in Saudi-Arabien. Auf die Frage, warum diesen L\u00e4ndern Waffen geliefert worden seien, antwortete Nassauer, dass diese Staaten die Versorgung Europas mit \u00d6l sicherstellen und auch durch den Kauf von Industrieprodukten den hiesigen Wohlstand sichern w\u00fcrden. Daf\u00fcr g\u00e4be es dann im Gegenzug Waffen \u2013 immer wieder auch abgesichert durch staatliche Hermes-B\u00fcrgschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00f6rdatei gibt es bei <a href=\"http:\/\/www.bits.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.bits.de<\/a> oder beim <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr-info\/index.jsp?key=standard_document_40875177&amp;jmpage=1&amp;type=a&amp;rubrik=47572&amp;jm=3&amp;mediakey=hrinfo\/20110222_t_Nassauer_audio_128k\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">HR<\/a> (Hessischer Rundfunk).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>6. <\/strong><strong>Zuverl\u00e4ssige Entsorgung abgelegter Waffen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>von Peter Lock (Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Friedensforschung)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in Deutschland wenig Anreize, Waffen, die nicht mehr ben\u00f6tigt werden, zuverl\u00e4ssig zu entsorgen und damit das latente Risiko auszuschlie\u00dfen, dass derartige Waffen in falsche H\u00e4nde gelangen. Der Prozentsatz an Schusswaffen in Deutschland, die vorgehalten werden, obwohl die Besitzer keine wirkliche Verwendung (mehr) daf\u00fcr haben, liegt mit Sicherheit deutlich im zweistelligen Bereich. Es kommt hinzu, dass zumindest in der Vergangenheit die gesellschaftliche Praxis der Regelungsdichte des Waffengesetzes bei Erbf\u00e4llen nicht entsprochen hat. Inwieweit die laufende Schaffung eines einheitlichen Waffenregisters nach Vorgaben der EU dazu f\u00fchren wird, den privaten Besitz an Schusswaffen sorgf\u00e4ltiger und umf\u00e4nglicher zu erfassen, l\u00e4sst sich noch nicht beurteilen. Die verschiedenen Amnestien in der Vergangenheit haben nur bescheidene Waffenmengen der Entsorgung zugef\u00fchrt. Es liegt im Interesse der \u00f6ffentlichen Sicherheit, jede nicht (mehr) ben\u00f6tigte Schusswaffe sicher stillzulegen und zuverl\u00e4ssig zu entsorgen. Hierf\u00fcr m\u00fcssen wirkm\u00e4chtige Anreize geschaffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Besitz von Schusswaffen geh\u00f6rt aus guten Gr\u00fcnden in Deutschland nicht zu den b\u00fcrgerlichen Grundrechten. Es handelt sich vielmehr um ein auf Zeit vergebenes Privileg, das nach Abw\u00e4gung der Eignung der Person und m\u00f6glichen Risiken f\u00fcr die Sicherheit mit Auflagen u. a. hinsichtlich der Verwahrung erteilt wird. Daher ist es geboten, dass die Aufwendungen, die notwendig sind, um \u00fcbersch\u00fcssige Waffen zuverl\u00e4ssig zu entsorgen, vom Kollektiv der Verursacher, d. h. den legalen Waffenbesitzern getragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt angesichts der Erfahrungen bei der pr\u00e4mienbeg\u00fcnstigten Verschrottung alter Autos, die zahlreich nur zum Schein durchgef\u00fchrt wurde, m\u00fcsste die zuverl\u00e4ssige Entsorgung von Schusswaffen als hoheitliche Aufgabe organisiert werden. Unterschiedlich wirkungsm\u00e4chtige Verfahren zur Sicherstellung ordnungsgem\u00e4\u00dfer Entsorgung sind denkbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Minimall\u00f6sung w\u00e4re die \u00dcbernahme von Regelungen bei anderen langlebigen Gebrauchsg\u00fctern, bei denen der Hersteller bzw. Verk\u00e4ufer verpflichtet wird, die Produkte nach ihrer Nutzungsphase zur\u00fcckzunehmen und dem Recycling zuzuf\u00fchren. Dabei werden die anfallenden Kosten eingepreist und mit dem Verkauf abgegolten. Ein solches Verfahren bietet jedoch nur einen geringen Anreiz, \u00fcberzahlige Waffen tats\u00e4chlich dem Recycling zu \u00fcberantworten. Alternativ oder erg\u00e4nzend k\u00f6nnte man Waffenscheine und Waffenbesitzkarten proportional zu Zahl und Dauer des Waffenbesitzes sp\u00fcrbar mit Geb\u00fchren belasten, damit Waffenbesitzer periodisch eine G\u00fcterabwagung treffen zwischen den laufenden Kosten und dem Interesse, Waffen vorzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Gew\u00e4hrleistung \u00f6ffentlicher Sicherheit zu den zentralen Aufgaben des Staates geh\u00f6rt, ist es unbedingt zu rechtfertigen, wenn der Gesetzgeber Waffenbesitz an Auflagen bindet, die die Risiken missbr\u00e4uchlicher Verwendung verringern. Die Kriminalstatistik zeugt davon, dass sehr h\u00e4ufig die T\u00e4ter nicht die legalen Besitzer der Tatwaffe sind. Daher m\u00fcssen alle M\u00f6glichkeiten erwogen werden, die das Vagabundieren von Schusswaffen aus legalem Besitz in illegale Verf\u00fcgung verhindern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wirkungsvolle Ma\u00dfnahme, die darauf zielt, \u00fcbersch\u00fcssige Waffen aus dem Verkehr zu ziehen und zu entsorgen, w\u00e4re die Erhebung eines Pfandes, das bei Kauf einer Waffe von einer hoheitlichen Beh\u00f6rde erhoben wird. Ein solches Pfand w\u00fcrde jede Waffe unabh\u00e4ngig vom zivilrechtlichen Eigentum zu einer waffenrechtlichen Leihgabe machen, die der Staat bei Vorliegen der Voraussetzungen auf Zeit gew\u00e4hrt. Das \u00fcberragende Interesse des Staates als Garant \u00f6ffentlicher Sicherheit rechtfertigt in jedem Falle einen solchen Eingriff in das besondere zivilrechtliche Eigentum Schusswaffe. Die H\u00f6he eines solchen Pfandes m\u00fcsste sich am gesch\u00e4tzten Schwarzmarktpreis einer vergleichbaren Waffe orientieren, um sp\u00e4ter einen attraktiven Anreiz zu bieten, \u00fcbersch\u00fcssige Waffen gegen Erstattung des Pfandes zu entsorgen. In diesem Zusammenhang w\u00e4re ebenfalls ernsthaft zu erw\u00e4gen, illegale Waffen generell straffrei gegen Zahlung eines ebenfalls Anreize bietenden Betrages einzuziehen. Denn oberstes Ziel staatlichen Handelns in diesem Bereich muss die \u00f6ffentliche Sicherheit sein, weniger die Verfolgung m\u00f6glicher Gesetzesverst\u00f6\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches gesetzlich vorgeschriebenes Pfand w\u00fcrde den Erwerb von Schusswaffen erheblich verteuern. Es h\u00e4tte aber zugleich den gesellschaftlich gew\u00fcnschten Effekt, die Kauflust bei Schusswaffenbesitzern mittels eines Marktmechanismus zu d\u00e4mpfen. Im Moment des Kaufes wirkt ein solches Pfand wie eine demeritionale Steuer, aber im Unterschied zu einer Steuer wird das Pfand am Ende des Lebenszyklus der Waffe wieder erstattet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verwaltung des Pfandes m\u00fcsste treuh\u00e4nderisch durch eine hoheitliche Beh\u00f6rde erfolgen. Da die Lebenszyklen von Schusswaffen sehr lang sein k\u00f6nnen, w\u00fcrde sich Kapital ansammeln und die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, grunds\u00e4tzlich Waffen unabh\u00e4ngig von ihrem rechtlichen Status mit dem Ziel zu erwerben, sie zuverl\u00e4ssig zu entsorgen. Im Interesse \u00f6ffentlicher Sicherheit w\u00e4re dies allemal.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser und weitere Texte des Verfassers zum Thema Kleinwaffenkontrolle finden sich unter <\/em><a href=\"http:\/\/www.peter-lock.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.Peter-Lock.de<\/a><em>; Kritik und Anregungen erreichen ihn unter <\/em><a href=\"mailto:Peter.Lock@t-online.de\">Peter.Lock@t-online.de<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. Lizenzlexikon Heckler &amp; Koch: HK416\/HK417<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Abbruch des OICW-Projekts im Jahr 2005 hat leider nicht das Ende der Entwicklungsbem\u00fchungen des US-Milit\u00e4rs im Kleinwaffenbereich bedeutet. Die mittlerweile erfolgte Einf\u00fchrung des u.a. durch Heckler &amp; Koch entwickelten XM25-Granatwerfers (vgl. auch DAKS-Newsletter 10\/2009) markiert in diesem Zusammenhang einen Wendepunkt. Wesentlich \u201ekonventioneller\u201c \u2013 aber deshalb nicht weniger problematisch \u2013 sind demgegen\u00fcber die Anstrengungen, die gemacht wurden, um die Standard-Schnellfeuergewehre M16 und M4 zu ersetzen. Statt splitteroptimierter Granaten, deren Detonations-Zeitpunkt individuell programmiert werden kann, soll im Hinblick auf das \u201eneue\u201c Schnellfeuergewehr \u2013 zumindest als Zwischenl\u00f6sung \u2013 zun\u00e4chst noch einmal eine h\u00fclsenbasierte Kleinwaffenmunition in einem der etablierten NATO-Kaliber zum Einsatz kommen. Und die Kosten der Modernisierung sollen m\u00f6glichst gering sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Antwort auf diesen Forderungskatalog hat Heckler &amp; Koch die Waffen HK416 und HK417 entwickelt. Ein Vorzug dieser Waffen im Kaliber 5,56 NATO bzw. 7,62 NATO ist, dass sie nicht nur den bisher verwendeten Modellen M16 und M4 in der Bedienung sehr \u00e4hnlich sind, sondern sogar wesentliche Teile von diesen integrieren k\u00f6nnen. Soll hei\u00dfen: Die US-Armee muss, sofern sie das \u201eMinimum Upgrade Package\u201c von HK in Anspruch nimmt, keine neue Waffen kaufen, sondern kann ein Waffen-Recycling betreiben, bei dem noch funktionst\u00fcchtige Teile der alten Waffen in den neuen Waffen wiederverwendet werden. Mit dem HK417 legt Heckler &amp; Koch zudem wieder ein Waffenmodell vor, dass nicht Munition im Kaliber 5,56 NATO, sondern \u2013 wie ehemals das G3 \u2013 im Kaliber 7,62 NATO verwendet. Die Entwicklung stellt eine Reaktion auf den Vorwurf aus Milit\u00e4rkreisen dar, dass auch vom G36 verwendete Kaliber 5,56 NATO sei zu wenig t\u00f6dlich bzw. zu schwach, als dass es auch \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Distanzen eingesetzt werden k\u00f6nnte (vgl. DAKS-Newsletter 10\/2009). Mit dem HK417 sollen wieder K\u00e4mpfe \u00fcber eine Entfernung von mehr als 500m hinweg m\u00f6glich sein. Aus diesem Grund hat auch die Bundeswehr mittlerweile das HK417 eingef\u00fchrt. Als G27 wird es derzeit in Afghanistan verwendet, wo es die bisher noch verwendeten G3-Schnellfeuergewehre abl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ansatz ist damit \u00e4u\u00dferst kosteneffektiv und verspricht \u2013 zumindest kurzfristig \u2013 f\u00fcr Heckler &amp; Koch wirtschaftlich sehr erfolgreich zu werden. Seit 2005 auf dem Markt, werden die Waffen bis jetzt zwar vor allem bei milit\u00e4rischen und polizeilichen Spezialeinheiten verwendet, dies wird sich jedoch bald \u00e4ndern. Norwegen hat in diesem Fall den Anfang gemacht und 2007 die Einf\u00fchrung des HK416 als neue Standardinfanterie Waffe beschlossen. Im Jahr 2008 gab dann die T\u00fcrkei die Einf\u00fchrung des von MKEK produzierten Schnellfeuergewehrs \u201eMehmetcik\u201c bekannt (vgl. DAKS-Newsletter 02\/2008). \u00c4hnlich wie im Fall des mexikanischen Gewehrs FX-05, das eine Kopie des G36 darstellt (vgl. DAKS-Newsletter 02\/2011), scheint auch in diesem Fall das von HK entwickelte Design kopiert worden zu sein. Eine Lizenzvergabe im herk\u00f6mmlichen Sinn hat dabei nicht stattgefunden, ob es andere, nicht-offizielle Absprachen zwischen HK und MKEK gegeben hat, ist nicht bekannt, scheint aber angesichts der langen Gesch\u00e4ftsbeziehungen zwischen HK und dem t\u00fcrkischen Verteidigungsministerium nicht ausgeschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Malaysische Sicherheitskr\u00e4fte nutzen seit Jahrzehnten HK-Waffen. 2010 wurden nun 180 HK416-Gewehre gekauft. Sie werden von den Einheiten der Spezialkr\u00e4fte getestet. Geplant ist wahrscheinlich, diesen Gewehrtyp sp\u00e4ter als neue Standardwaffe einzuf\u00fchren (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2010-05.pdf\">DAKS-Newsletter 05\/2010<\/a>). \u201eGute\u201c Chancen bestehen auch f\u00fcr eine Ausr\u00fcstung des Marine Corps mit dieser Waffe. US-amerikanische Spezialeinheiten setzen bereits seit 2004 einzelne HK416-Exemplare ein und sind aktuell am HK416 in einer Variante als leichtes Maschinengewehr interessiert. Wenn es zu einer Entscheidung f\u00fcr die HK-Waffe k\u00e4me, k\u00f6nnten es um eine Waffenlieferung von knapp \u00fcber 4000 HK416 gehen \u2013 wohlgemerkt an einen Staat, der sein Milit\u00e4r weltweit in Kriegen und Krisengebieten einsetzt (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2010-05.pdf\">DAKS-Newsletter 05\/2010<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Als Durchbruch auf dem franz\u00f6sischen Milit\u00e4rmarkt k\u00f6nnte sich f\u00fcr Heckler &amp; Koch die ebenfalls im Jahr 2008 erfolgte Entscheidung erweisen, das HK416 bei den franz\u00f6sischen Luftstreitkr\u00e4ften einzuf\u00fchren. Das von der Manufacture d\u2019Armes de St. Etienne (MAS) produzierten FAMAS-Sturmgewehr scheint damit vor seiner Abl\u00f6sung zu stehen \u2013 und nachdem die franz\u00f6sischen Marinespezialkr\u00e4fte mit dem G36 ebenfalls eine Waffe von HK eingef\u00fchrt haben, scheinen damit zwei Referenzen gewonnen, auf die bei k\u00fcnftigen Ausschreibungen verwiesen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant sind die Vorg\u00e4nge um angebliche wettbewerbsbeschr\u00e4nkende Absprachen bei Ausschreibungen, \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/politik\/in-der-schusslinie\/4032592.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der Tagesspiegel <\/a>berichtete. Dem Bericht zufolge sollen bereits erste Lieferungen (nachger\u00fcsteter) G3-Gewehre an die Bundeswehr erfolgt worden sein, w\u00e4hrend offiziell noch mit anderen Anbietern als HK gesprochen wurde. Dies zeigt, dass die Zeit der \u00e4ltesten Waffe von HK leider noch lange nicht vorbei ist \u2013 wie auch die vielen heutigen G3-Opfer in Afrika, Asien oder Lateinamerika belegen k\u00f6nnten, wenn sie denn von der deutschen Regierung geh\u00f6rt w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie von anderen HK-Waffen gibt es auch vom HK416 verschiedene Varianten. So pr\u00e4sentierte das Unternehmen im Herbst letzten Jahres stolz das HK416C (analog zum G36C), das besonders f\u00fcr den H\u00e4userkampf geeignet sein soll. Und auch eine sogenannte Zivilversion des HK416 mit dem Namen MR223 ist in den USA und Deutschland seit einigen Jahren zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im neuen DAKS-Newsletter fasst Robert Lindner (Oxfam) die aktuellsten Entwicklungen im Arms Trade Treaty-Prozess zusammen. 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