{"id":1900,"date":"2012-09-05T11:36:00","date_gmt":"2012-09-05T09:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=1900"},"modified":"2024-07-19T15:04:55","modified_gmt":"2024-07-19T13:04:55","slug":"daks-newsletter-september-2012-ist-erschienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=1900","title":{"rendered":"DAKS-Newsletter September 2012 ist erschienen!"},"content":{"rendered":"\n<p>In den vergangenen Monaten wurde viel \u00fcber R\u00fcstungsexportkontrolle nachgedacht und verhandelt. In New York, bei den Verhandlungen zu einem Arms Trade Treaty. In Europa anl\u00e4sslich des Inkrafttretens der EU-Verbringungsrichtlinie. In Deutschland, wo nicht nur \u00fcber Panzerexporte nach Saudi-Arabien, Indonesien und Katar diskutiert wird, sondern auch die Drohung einer Liberalisierung des R\u00fcstungsexportkontorllsystems im Raum steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ATT-Verhandlungen sind gescheitert. Die EU-Verbringungsrichtlinie ist in Kraft getreten. Und in Deutschaland geht die Diskussion \u00fcber eine \u201eReform\u201c des Au\u00dfenwirtschaftsgesetztes weiter. So betrachtet haben all diese Entwicklungen eines gemeinsam: sie dienen nicht einer Reduzierung des weltweiten Waffenhandels.<\/p>\n\n\n\n<p>Im neuen Newsletter berichtet Robert Lindner (Oxfam Deutschland e.V.) nochmals \u00fcber die ATT-Verhandlungen in New York. In zwei Beitr\u00e4gen wird die Sto\u00dfrichtung der EU-Verbringungsrichtlinie und der innerdeutschen Diskussion \u00fcber eine \u201eEntschlackung\u201c des AWG analysiert. Und, last but not least, rezensiert Bernhard Moltmann (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung) das k\u00fcrzlich erschienene Buch von Andrew Feinstein \u201eWaffenhandel. Das globale Gesch\u00e4ft mit dem Tod\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Weiterempfehlen: Wenn Sie den Kleinwaffen-Newsletter abonnieren wollen<br>(als kostenlose E-Mail), senden Sie uns einfach eine <a href=\"mailto:daks-news@rib-ev.de?subject=Kleinwaffen-%20Newsletter\">Mail<\/a> mit dem Stichwort<br>\u201eKleinwaffen-Newsletter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Arms Trade Treaty: Ende oder neuer Anfang?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von Robert Lindner (Oxfam Deutschland e.V.)<\/p>\n\n\n\n<p>(Fortsetzung der Berichte in DAKS-Newsletter <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2012-07.pdf\">Nr. 82\/Juli 2012<\/a> und <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2012-08.pdf\">Nr. 83\/August 2012<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vom 2. bis 27. Juli 2012 verhandelten Regierungsvertreter bei den Vereinten Nationen in New York \u00fcber ein Abkommen zur Kontrolle des Handels mit konventionellen R\u00fcstungsg\u00fctern (Arms Trade Treaty, kurz: ATT). Entscheidende Anst\u00f6\u00dfe dazu gaben die in den 1990er-Jahren begonnene Initiative von internationalen Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Friedensnobelpreistr\u00e4gern f\u00fcr einen Verhaltenskodex f\u00fcr Waffenausfuhren und seit 2003 die Kampagne \u201eControl Arms\u201c (in Deutschland: \u201eWaffen unter Kontrolle!\u201c), die gemeinsam von Amnesty International, dem Internationalen Netzwerk zu Kleinwaffen (IANSA) und Oxfam ins Leben gerufen worden ist. Kernforderung der Kampagne ist die \u201egoldene Regel\u201c: Transfers von konventionellen R\u00fcstungsg\u00fctern d\u00fcrfen von Staaten nicht genehmigt werden, wenn zu erwarten ist, dass sie von den Empf\u00e4ngern zum Beispiel f\u00fcr schwere Menschenrechtsverletzungen oder Kriegsverbrechen verwendet werden oder wenn sie zu Armut und Korruption beitragen. Bei der UN-Verhandlungskonferenz im Juli erschien ein Erfolg zum Greifen nahe, fiel jedoch am Ende nationalen Machtinteressen und innenpolitischen Gegens\u00e4tzen in den USA zum Opfer. Dem zum Trotz haben die deutliche Mehrheit der Staaten und die in der \u201eControl Arms\u201c-Kampagne zusammengeschlossenen internationalen NRO angek\u00fcndigt, sich weiterhin f\u00fcr die Schaffung eines globalen Abkommens mit m\u00f6glichst hohen Kontrollstandards einzusetzen, das Menschen \u00fcberall auf der Welt vor den Folgen unverantwortlicher Waffenlieferungen besser sch\u00fctzen kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>No, we can\u2019t!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a><\/a>Freitag, der 27. Juli 2012, am sp\u00e4ten Vormittag: Im Foyer des UN-Konferenzgeb\u00e4udes am New Yorker East River bauen gerade die ersten Fernsehteams ihre Kameras auf, um \u00fcber den mit Spannung erwarteten Ausgang der vier Wochen dauernden ATT-Verhandlungen zu berichten. Um 10 Uhr morgens hatte der Vorsitzende der Konferenz, Botschafter Roberto Garcia Morit\u00e1n aus Argentinien, bei der Er\u00f6ffnung des letzten Sitzungstages Zuversicht ge\u00e4u\u00dfert, eine Einigung \u00fcber den heftig umstrittenen Vertragsentwurf sei noch m\u00f6glich. In parallelen Arbeitsgruppen sollten strittige Fragen gel\u00f6st werden: ob regionale Organisationen wie z. B. die EU oder ECOWAS dem Vertrag beitreten d\u00fcrfen und wie mit geschlechtsbasierter Gewalt und mit nicht-staatlichen Akteuren umgegangen werden soll. Gewiss, auch dar\u00fcber wurde teils verbittert gestritten, doch es waren nicht die zentralen Probleme der vergangenen Wochen. Kurz vor Mittag lassen dann die USA im Plenum unerwartet eine Bombe platzen: Delegationsleiter Thomas Countryman verk\u00fcndet in einem knappen Statement, die Zeit zur Pr\u00fcfung des komplizierten Vertragstextes und zur L\u00f6sung der nach wie vor bestehenden inhaltlichen Probleme reiche nicht aus. Allen im Saal ist sofort klar, was dies bedeutet: Die US-Regierung hat faktisch ihr Veto eingelegt, die Verhandlungen sind gescheitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der zahlreichen Aktionen im Umfeld der ATT-Verhandlungen: Um an die 2000 Menschen zu erinnern, die jeden Tag mit Waffen get\u00f6tet werden, haben AktivistInnen einen \u201eFried\u00adhof\u201c eingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die \u00fcblichen Schurken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re sicherlich zu einfach, die Schuld f\u00fcr dieses unr\u00fchmliche Ende alleine bei den USA zu suchen. Unmittelbar nach dem US-Statement griffen Russland, Kuba, Nordkorea und Venezuela die Vorlage dankbar auf und bauten die Kritik am vorliegenden Vertragsentwurf sogar noch aus. Bereits vorher hatten unter anderem \u00c4gypten, Wei\u00dfrussland, Algerien, Syrien, Saudi-Arabien (im Namen der Arabischen Gruppe) und Iran schwerwiegende Bedenken ge\u00e4u\u00dfert. Vor allem Syrien und andere arabische Staaten hatten wiederholt gefordert, ein ATT d\u00fcrfe nicht zur Legitimation der Einmischung in innere Angelegenheiten souver\u00e4ner Staaten benutzt werden. Dennoch waren sich die Beobachter nicht einig, ob einer dieser Staaten wirklich bereit gewesen w\u00e4re, die Konsequenzen einer v\u00f6lligen Verweigerung zu tragen. Es fiel jedenfalls auf, dass mit zunehmender Dauer der Verhandlungen einflussreiche ATT-Skeptiker wie Russland, China, Indien und \u00c4gypten sich mit Fundamentalkritik zur\u00fcckgehalten hatten. Auch die US-Delegation hatte sich zwischenzeitlich moderater gezeigt, nachdem sie Kompromisse insbesondere zur Kontrolle von Munition und bei der Abw\u00e4gung von Menschenrechten und nationalen Sicherheitsinteressen (zugunsten letzterer) bei den Genehmigungskriterien durchgesetzt hatte. Am Ende k\u00f6nnte bei ihrem Veto jedoch der gro\u00dfe Druck der amerikanischen Waffenbesitzerlobby auf die Obama-Regierung im Hinblick auf die anstehenden Pr\u00e4sidentschaftswahlen ausschlaggebend gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie zerrissen die US-Regierung gewesen zu sein scheint, wird aus einer <a href=\"http:\/\/www.state.gov\/r\/pa\/prs\/ps\/2012\/07\/195622.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pressemitteilung des State Departments<\/a> vom folgenden Tag deutlich, in der grunds\u00e4tzlich eine Fortsetzung der ATT-Verhandlungen bef\u00fcrwortet wird \u2013 zwar weiterhin im Rahmen der Vereinten Nationen und auf Basis des letzten Entwurfstextes, jedoch fr\u00fchestens im kommenden Jahr (also nach den Pr\u00e4sidentschaftswahlen im November) und weiterhin auf Konsensbasis. Die letzte Bedingung d\u00fcrfte die gr\u00f6\u00dfte Hypothek f\u00fcr eine m\u00f6gliche Fortsetzung des Prozesses darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>100 plus\u201c Staaten f\u00fcr starken ATT<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber 90 Staaten aus allen Regionen der Welt, darunter auch Deutschland, hatten am letzten Tag der Konferenz in einem <a href=\"http:\/\/reachingcriticalwill.org\/images\/documents\/Disarmament-fora\/att\/negotiating-conference\/statements\/27July_jointstatement.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">gemeinsamen Statement<\/a> angek\u00fcndigt, sich f\u00fcr eine m\u00f6glichst z\u00fcgige Weiterf\u00fchrung des ATT-Prozesses einzusetzen. Ziel sei ein \u201estarkes und robustes\u201c Waffenhandelsabkommen, \u201edas die Welt sicherer macht und in erster Linie der Menschlichkeit dient\u201c. Der letzte Textentwurf, der die \u201e\u00fcberw\u00e4ltigende Unterst\u00fctzung der internationalen Gemeinschaft\u201c genie\u00dfe, soll an die UN-Generalversammlung verwiesen und zur Grundlage der weiteren Verhandlungen gemacht werden. Vertreter zahlreicher weiterer Staaten, darunter alle Mitglieder der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und der karibischen Organisation CARICOM, sprachen sich ebenfalls f\u00fcr ein baldiges Weitermachen aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welcher Weg f\u00fchrt zum Ziel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch ist unsicher, auf welcher inhaltlichen Grundlage und in welchem Rahmen die n\u00e4chste Stufe des ATT-Prozesses beginnen k\u00f6nnte. Vieles deutet darauf hin, dass auf Basis des <a href=\"http:\/\/reachingcriticalwill.org\/images\/documents\/Disarmament-fora\/att\/negotiating-conference\/documents\/consolidated-text-26July.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ATT-Entwurfstexts vom 26. Juli 2012<\/a> weiter verhandelt werden k\u00f6nnte. Es w\u00e4re ferner naheliegend, den Ersten Ausschuss der UN-Generalversammlung im kommenden Oktober zu nutzen, um das Verfahren weiter voranzutreiben. Da dort im Unterschied zur Juli-Konferenz durchaus Mehrheitsentscheidungen m\u00f6glich sind, w\u00e4re es sogar denkbar, bereits dort einen Kontrollvertrag zu beschlie\u00dfen. Gleichwohl, ob eine Entscheidung bereits in diesem oder erst im kommenden Jahr gesucht wird \u2013 jene deutlich \u00fcber 100 Staaten, die sich im Juli f\u00fcr einen starken Arms Trade Treaty ausgesprochen haben, sollten sich m\u00f6glichst bald auf die wesentlichen Inhalte daf\u00fcr verst\u00e4ndigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inhaltliche Baustellen bearbeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Vertreter\/innen der in \u201eControl Arms\u201c zusammengeschlossenen Organisationen kamen noch in New York \u00fcberein, den trotz des Scheiterns der Konferenz weiterhin vorhandenen Schwung zu nutzen und m\u00f6glichst rasche Neuverhandlungen zu einem ATT zu unterst\u00fctzen. Dabei m\u00fcssen aus Sicht von \u201eControl Arms\u201c die gr\u00f6\u00dften M\u00e4ngel des letzten Entwurfstexts behoben werden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Genehmigungskriterien st\u00e4rken: (vgl. Art. 3, Abs. 3) Die Genehmigung von Transfers von R\u00fcstungsg\u00fctern, die mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit f\u00fcr V\u00f6lkermord, Kriegsverbrechen und andere schwere Verletzungen des humanit\u00e4ren V\u00f6lkerrechts eingesetzt werden, darf ausdr\u00fccklich nicht gestattet sein. Transfers, die schwere Menschenrechtsverletzungen zur Folge h\u00e4tten, d\u00fcrfen nicht dadurch gerechtfertigt werden k\u00f6nnen, dass sie unter Umst\u00e4nden auch positive Auswirkungen auf Frieden, Sicherheit und Stabilit\u00e4t haben k\u00f6nnten.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Regelungsumfang erweitern: (vgl. Art. 2, Abs. 1 und Art. 6, Abs. 4 und 5) Es m\u00fcssen alle konventionellen R\u00fcstungsg\u00fcter kontrolliert werden, darunter insbesondere alle Arten von Munition, Polizei- und sonstige Sicherheitstechnik sowie R\u00fcstungskomponenten, und nicht nur die im bestehenden UN-Register f\u00fcr konventionelle Waffen aufgef\u00fchrten milit\u00e4rischen Gro\u00dfwaffen sowie Kleinwaffen und leichte Waffen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Schenkungen und Leihgesch\u00e4fte kontrollieren: (vgl. Art. 2, Abs. 3) Neben den unter \u201eTrade\u201c gefassten Verk\u00e4ufen von R\u00fcstungsg\u00fctern m\u00fcssen ausdr\u00fccklich auch Schenkungen und Leihgesch\u00e4fte sowie unentgeltlich gew\u00e4hrte Milit\u00e4rhilfen kontrolliert werden \u2013 andernfalls w\u00fcrden bedeutende Regelungsl\u00fccken entstehen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Gef\u00e4hrliche Ausnahmen streichen: (vgl. Art. 5, Abs. 2) Verteidigungskooperationen d\u00fcrfen nicht von den vertraglichen Regelungen ausgenommen werden \u2013 sonst w\u00e4ren zum Beispiel die aktuellen russischen Waffenlieferungen an die syrische Regierung weiterhin erlaubt.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Transparenz herstellen: (vgl. Art. 10, Abs. 5) J\u00e4hrliche Berichte der Unterzeichnerstaaten \u00fcber ihre Genehmigungen bzw. erfolgten Ausfuhren m\u00fcssen \u00f6ffentlich gemacht werden. Dabei d\u00fcrfen keine mit nationalen Sicherheitsinteressen oder privaten Gesch\u00e4ftsgeheimnissen begr\u00fcndeten Ausnahmen gew\u00e4hrt werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Sp\u00e4tere Verbesserungen erleichtern: (vgl. Art. 20, Abs. 3) Verbesserungen und sonstige Anpassungen eines k\u00fcnftigen Abkommens m\u00fcssen von den Vertragsparteien mit Zweidrittelmehrheit anstelle von Einstimmigkeit beschlossen werden k\u00f6nnen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Europ\u00e4ischer Waffenexport aus Sicht der USA: neue Analyse erschienen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was halten die USA eigentlich davon, wenn europ\u00e4ische Staaten Waffen in alle Welt exportieren? \u2013 Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich diese Frage nicht pauschal beantworten. Aber dank der Ver\u00f6ffentlichung eines Kongress-Berichts \u00fcber \u201e<a href=\"http:\/\/www.fas.org\/sgp\/crs\/weapons\/R42678.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Conventional Arms Transfers to Developing Nations, 2004-2011<\/a>\u201c l\u00e4sst sich dies zumindest ansatzweise nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Dinge fallen auf:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Im Blick auf Europa nehmen die USA weder die EU oder den europ\u00e4ischen Wirtschaftsraum als solchen in den Blick, noch die traditionellen Nationalstaaten. Fokussiert wird auf eine Gruppe von Staaten, bestehend aus Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Deutschland und Italien, die als die west-europ\u00e4ischen Hauptlieferanten und Hauptexporteure identifiziert werden.<\/li><li>Der Umstand, dass Waffenexporte als eine nationale Angelegenheit begriffen und unter dem Primat wirtschaftlicher Vorteile entschieden werden \u2013 statt im Hinblick auf Sicherheitsinteressen \u2013 st\u00f6\u00dft auf Befremden. Artikuliert wird dies exemplarisch am Beispiel Frankreichs. Man darf jedoch vermuten, dass die derzeitige Debatte in Deutschland, R\u00fcstungsexporte aus \u00f6konomischen Gr\u00fcnden zu erleichtern, genau verfolgt wird und auf \u00e4hnlich lautende Bedenken st\u00f6\u00dft.<\/li><li>Die europ\u00e4ische Konkurrenz wird ernst genommen. Jede einzelne Nation der Staatengruppe sei in der Lage, als Systemanbieter von komplexen Waffensystemen f\u00fcr Heer, Luftwaffe und Marine aufzutreten. Jede einzelne Nation habe es in der Vergangenheit bereits geschafft, sich in Ausschreibungen gegen US-amerikanische R\u00fcstungsangebote durchzusetzen. Wenn die Europ\u00e4er im vergangenen Jahr 2011 vergleichsweise erfolglos waren, so h\u00e4ngt dies, laut Analyse der Berichterstatter, vor allem mit der angespannten Sicherheitslage insbesondere im Nahen Osten zusammen. In dieser Situation w\u00fcrden US-amerikanische Waffen bevorzugt, da die USA als solche noch immer als der absolute Garant von Sicherheit begriffen w\u00fcrden, deren Lieferzuverl\u00e4ssigkeit im Hinblick auf Nachschub und Ersatz (gerade auch im tats\u00e4chlichen Kriegsfall) h\u00f6her eingesch\u00e4tzt w\u00fcrde.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Als Reaktion auf diese erschwerten Exportbedingungen sei, so der Bericht, die EU-Verbringungsrichtlinie entstanden. Ziel dieses Gemeinsamen Standpunktes sei es, innereurop\u00e4ische R\u00fcstungskooperationen zu erleichtern, um so die r\u00fcstungsindustriellen F\u00e4higkeiten auch in Zeiten von wirtschaftlicher Rezension zu erhalten. Mittelfristig, so die Einsch\u00e4tzung der US-Analysten, sei damit jedoch auch die Hoffnung verbunden, die europ\u00e4ische Wettbewerbsf\u00e4higkeit auf dem R\u00fcstungsweltmarkt zu verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einsch\u00e4tzung wird von europ\u00e4ischen Experten geteilt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IMI: Das EU-Verteidigungspaket f\u00fchrt zu einer Absenkung der R\u00fcstungsexportbeschr\u00e4nkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Wagner analysiert die laut gewordenen Pl\u00e4ne f\u00fcr eine Novellierung des Au\u00dfenwirtschaftsgesetzes (AWG) f\u00fcr die Informationsstelle Militarisierung \/ T\u00fcbingen (<a href=\"http:\/\/www.imi-online.de\/2012\/07\/17\/rustungsexportoffensive\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">IMI<\/a>). Wagner verortet die Reform-Pl\u00e4ne im europ\u00e4ischen Kontext und namentlich im Zusammenhang mit dem Inkrafttreten der EU-Verbringungsrichtlinie Ende Juni 2012 (vgl. <a href=\"https:\/\/rib-ev.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/DAKS-Newsl-2012-06.pdf\">DAKS-Newsletter 06\/2012<\/a>). Sein Fazit: \u201eGerade f\u00fcr die deutsche R\u00fcstungsindustrie ist das Spiel \u00fcber die Br\u00fcsseler Bande wie so h\u00e4ufig auch im Fall der Neufassung der deutschen Exportregelungen \u00fcberaus attraktiv. Die Verbringungsrichtlinie k\u00f6nnte es nun erm\u00f6glichen, die vergleichsweise strengen deutschen R\u00fcstungsexportbestimmungen zu umgehen, was \u00fcber eine offizielle Aufweichung der Ausfuhrbestimmungen angesichts der Stimmung in der Bev\u00f6lkerung wohl nur schwer m\u00f6glich w\u00e4re.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>BITS: Au\u00dfenwirtschaftsgesetz wird novelliert<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums f\u00fcr Transatlantische Sicherheit (<a href=\"http:\/\/www.bits.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">BITS<\/a>), weist in seinem Artikel ebenfalls auf die kommende <a href=\"http:\/\/www.bits.de\/public\/unv_a\/orginal-150712.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Novellierung <\/a>des Au\u00dfenwirtschaftsgesetzes und der Au\u00dfenwirtschaftsverordnung hin. Das AWG gelte seit 50 Jahren und werde von der jetzigen Bundesregierung erneuert, beginnend mit einer Anh\u00f6rung exportierender Unternehmen. Nassauer mahnt zur Wachsamkeit:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eStatt wie bislang von einer \u201arestriktiven\u2018 deutschen Genehmigungspolitik zu sprechen, redet die derzeitige Bundesregierung erstmals von einer \u201averantwortungsbewussten\u2018 oder \u201averantwortungsvollen\u2018 Politik.\u201c Pr\u00fcfsteine m\u00fcssten unter anderem sein, ob die neue Exportpraxis die Beschreibung \u201erestriktiv\u201c wirklich verdiene und ob der Bundestag ein ausreichendes Gestaltungsrecht erhalte. Ansonsten k\u00f6nne das von der Regierung angek\u00fcndigte \u201eEntschlacken\u201c des Au\u00dfenwirtschaftsrechts zu einer Lockerung der R\u00fcstungsexportpolitik f\u00fchren, so Nassauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Artikel besticht durch die M\u00f6glichkeit, sich die bisherigen Entw\u00fcrfe und Kommentare via Links anzuschauen. Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnen sich Interessierte bei der Email-Adresse <a href=\"mailto:awg@bits.de\">AWG@bits.de<\/a> zu Wort melden und Kommentare, Kritik und Vorschl\u00e4ge zum neuen AWG abgeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist zu hoffen, dass von dieser Funktion reger Gebrauch gemacht wird, allein schon weil das Scheitern der ATT-Verhandlungen, in Verbindung mit den Bestrebungen zu einer Liberalisierung des R\u00fcstungsexportkontrollsystems, die Bem\u00fchungen um die Etablierung von zivilen Mitteln der weltweiten Konfliktbeilegung endg\u00fcltig zum Scheitern zu bringen drohen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf dem Weg zu einem R\u00fcstungsexportkontrollgesetz?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In gewisser Weise kontrafaktisch zur allgemeinen Entwicklung hat die Bundestagsfraktion von B\u00fcndnis \u201990 \/ Die Gr\u00fcnen Ende April 2012 einen <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/094\/1709412.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Antrag<\/a> in den Bundestag eingebracht, mit dem die Bundesregierung aufgefordert werden soll, einen Gesetzesentwurf f\u00fcr ein \u201eR\u00fcstungsexportgesetz\u201c zu erarbeiten. Bereits zum wiederholten Mal besch\u00e4ftigen sich die Parlamentarier deshalb mit dem Thema R\u00fcstungsexport \u2013 denn vergleichbare Antr\u00e4ge wurden in den vergangenen Monaten von den Gr\u00fcnen bereits mehrfach gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erwachte Interesse am Thema R\u00fcstungsexport ist erfreulich und verst\u00f6rend zugleich, da die Parlamentsdebatte \u00fcber den Antrag vor allem auch zeigte, wie wenig Problembewusstsein f\u00fcr das Thema R\u00fcstungsexport in den Reihen des Bundestags vorhanden ist bzw. wie wenig weitsichtig die Gr\u00fcnen das Thema behandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zeigt sich schon an den f\u00fcnf Kernforderungen, die der eingebrachte Antrag enth\u00e4lt:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Der Gemeinsame Standpunkt der EU \u00fcber die Ausfuhr von R\u00fcstungsg\u00fctern (<a href=\"http:\/\/eur-lex.europa.eu\/LexUriServ\/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2008:335:0099:0099:DE:PDF\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2008\/944\/GASP<\/a>) soll rechtlich verbindlich in das deutsche R\u00fcstungskontrollsystem integriert werden und nicht wie bisher allein in den Politischen Grunds\u00e4tzen der Bundesregierung zum Waffenexport erw\u00e4hnt werden.<\/li><li>Die Berichtspraxis zu R\u00fcstungsexporten soll durch das Einf\u00fchren einer Berichtspflicht in viertelj\u00e4hrlichem Turnus verbessert werden.<\/li><li>R\u00fcstungsexporte sollen k\u00fcnftig nicht mehr in Verantwortung des Bundeswirtschaftsministeriums diskutiert werden, sondern in den Kompetenzbereich des Ausw\u00e4rtigen Amtes fallen.<\/li><li>Das System der Endverbleibskontrolle soll verbessert werden.<\/li><li>Die M\u00f6glichkeit von Verbandsklagen soll auch in den Bereich des R\u00fcstungsexports eingef\u00fchrt werden.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p>Das ist alles sehr l\u00f6blich, scheint aber alles in allem ungeeignet, um die derzeit vorherrschende \u2013 politisch gewollte \u2013 Tendenz zugunsten einer Ausweitung von R\u00fcstungsexporten aufzuhalten. \u2013 Geschweige denn ins Gegenteil zu kehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies zeigt sich auch daran, dass der Antrag das Eingest\u00e4ndnis enth\u00e4lt, dass die unter Rot-Gr\u00fcn im Jahr 2000 eingef\u00fchrten Politischen Grunds\u00e4tze zum R\u00fcstungsexport l\u00e4ngst nicht die Bedeutung besitzen, wie seinerzeit (und teilweise noch immer) behauptet. Martin Lindner (FDP) brachte diesen Umstand in seinem <a href=\"http:\/\/dip21.bundestag.de\/dip21\/btp\/17\/17181.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Redebeitrag<\/a> auf den Punkt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie wollen uns immer wieder weisma\u00adchen, unter Rot-Gr\u00fcn w\u00e4re nichts exportiert worden. Auch jetzt steht wieder in dem Antrag, dass w\u00e4hrend der rot-gr\u00fcnen Regierungszeit alle Regelungen versch\u00e4rft wurden. [\u2026] 2002 hatten die R\u00fcstungsexporte einen Umfang von 300 Mil\u00adlionen Euro. Dann haben Ihre wahnsinnig scharfen Re\u00adgeln richtig gegriffen, und im Jahr 2003 wurden R\u00fcs\u00adtungsg\u00fcter im Wert von 1,3 Milliarden Euro exportiert. Das war eine satte Steigerung um 1 Milliarde Euro. 2005 [\u2026] wur\u00adden R\u00fcstungsg\u00fcter im Wert von 1,6 Milliarden Euro ex\u00adportiert. So sah Ihre Versch\u00e4rfung aus. Sie alle zusam\u00admen sind heuchlerisch und sonst gar nichts. [\u2026] Ich gebe Ihnen Brief und Siegel: Wenn Sie irgendwann wieder einmal regieren sollten, dann werden Sie sich genauso verhalten wie Ihre Vorg\u00e4nger \u2013 wie Frau Wieczorek-Zeul, die nichts ge\u00admacht hat, wie Herr Joschka Fischer, der als Au\u00dfen\u00administer nichts gemacht hat, und wie all die anderen Hel\u00adden \u2013, die dann, wenn sie in Regierungsverantwortung waren, nichts unternommen haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie von Martin Lindner hervorgehoben, hat sich die Steigerung der R\u00fcstungsexportzahlen unter Rot-Gr\u00fcn scheinbar im Einklang mit den Politischen Grunds\u00e4tzen befunden. Der einzige Verdienst der von den Gr\u00fcnen eingebrachten Antr\u00e4ge besteht demnach darin, auf die Notwendigkeit f\u00fcr ein neues und tats\u00e4chlich restriktives R\u00fcstungsexportkontrollgesetz hingewiesen zu haben. Notwendig ist dann aber ein Gesetz, dass eine tats\u00e4chliche Trendwende herbeif\u00fchrt \u2013 statt nur Sch\u00f6nheitskorrekturen an einzelnen Stellschrauben vorzunehmen, wie durch den vorliegenden Antrag intendiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00fcstungshandel: Schattenwelt und R\u00e4uberh\u00f6hle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu: Andrew Feinstein, Waffenhandel. Das globale Gesch\u00e4ft mit dem Tod, Hamburg: Hoffmann und Campe 2012, 847 Seiten (29,99 Euro)<\/p>\n\n\n\n<p>von Bernhard Moltmann (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt am Main)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Andrew Feinstein \u2013 ein kompetenter Ratgeber<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der deutschen Parlamentsgeschichte findet der Name eines Autors selten Eingang in ein Plenarprotokoll, zumal wenn sein Buch mit einem so kontroversen Thema wie dem Waffenhandel zu tun hat. Doch diese Ehre verdankt Andrew Feinstein dem SPD-Abgeordneten Klaus Barthel. [1] Dieser zitierte ihn am 24. Mai 2012 w\u00e4hrend einer Bundestagsdebatte \u00fcber ein R\u00fcstungsexportgesetz, wie es B\u00fcndnis 90 \/ Die Gr\u00fcnen eingebracht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Lebenslauf und Werk weisen in der Tat Andrew Feinstein als kompetenten Ratgeber deutscher Parlamentarier beim Umgang mit R\u00fcstungshandel aus. Der S\u00fcdafrikaner geh\u00f6rte von 1997 bis 2001 dem Parlament seiner Heimat an. F\u00fcr den African National Congress (ANC) war er als Obmann im Rechnungspr\u00fcfungsausschuss t\u00e4tig. In diesem Zusammenhang hatte er sich mit den Umst\u00e4nden der Finanzierung des umfangreichen R\u00fcstungsbeschaffungsprogramms des Landes zu besch\u00e4ftigen. Als seine Partei den ans Tageslicht gekommenen Korruptionsf\u00e4llen nicht ernsthaft nachgehen wollte, verzichtete Feinstein auf sein Mandat und zog nach London. Er hat die Ohnmacht des Einzelnen gegen\u00fcber der Dynamik dieser Schattenwelt erfahren. So ist das Ergebnis seiner Recherchen nicht nur ein umfangreiches Buch mit zahlreichen Quellen und Belegen, sondern auch ein Appell zu Gegenreaktionen der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der internationale Waffenhandel: ein undurchdringliches Netz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Feinstein beschreibt das Geschehen auf dem Waffenmarkt als ein dichtes Netz von politischen, wirtschaftlichen und personellen Interaktionen. Es formt eine eigene Welt, gleichsam eine \u201eSchattenwelt\u201c. Diese passt sich laufend geopolitischen Gegebenheiten an. Gegenw\u00e4rtig tritt mit China eine weitere Kraft auf den Plan; Dubai kristallisiert sich als Drehscheibe des R\u00fcstungshandels heraus. Exemplarisch als Betreiber und Profiteure des Netzes untersucht der Autor die Unternehmen British Aerospace Systems (BAE) in Gro\u00dfbritannien und Lockheed Martin in den USA sowie das Waffenhandelskonglomerat MEREX deutschen Ursprungs. Wenn die Quellenlage es zugelassen h\u00e4tte, h\u00e4tte Feinstein gewiss noch ein Beispiel aus dem sowjetisch-russischen Kontext hinzugef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00fclle der ausgebreiteten F\u00e4lle l\u00e4sst folgende Konturen dieses Netzes erkennen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00e4umlich<\/strong>: Den Recherchen von Feinstein zufolge gibt es keinen Winkel der Erde, den das Netz des Waffenhandels nicht erfasst h\u00e4tte. In dramatischen Skizzen zu Afrika, den arabischen L\u00e4ndern, zu Afghanistan und Pakistan zeigt der Autor, wie das Vorhandensein von Waffen oder deren ungebremster Zustrom lokale Konflikte in gewaltf\u00f6rmige Auseinandersetzungen mit internationaler Reichweite verwandelt haben. \u00dcber Jahrzehnte hinweg ist gerade Saudi-Arabien ein Initiator von R\u00fcstungssch\u00fcben gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Institutionell<\/strong>: Der Waffenhandel nutzt alle Chancen des Marktes. Auf dessen sichtbarer Seite operieren als Anbieter Staaten, die R\u00fcstungsg\u00fcter entwickeln und produzieren. Als offizielle K\u00e4ufer kommt jedes Land in Frage, das in Gewaltkonflikten steht oder sich darauf vorbereitet bzw. in Bedrohungswahrnehmungen lebt. Nur in den USA reicht die interne Nachfrage aus, die einheimische R\u00fcstungsindustrie zu alimentieren. Am Beispiel von Israel zeigt Feinstein, wie das Land als Abnehmer von R\u00fcstungsg\u00fctern zu einem \u201eSchaufenster westlicher R\u00fcstungstechnologien\u201c wird. Gleichzeitig produziert Israel selbst Waffen. Unter Verweis auf deren Kampferprobung gl\u00e4nzt es inzwischen als Exporteur und Vermittler von Waffen, zum Teil in Weltregionen (China, Indien, Afrika s\u00fcdlich der Sahara), in denen sich westliche Lieferanten in Zur\u00fcckhaltung \u00fcben. Auf sogenannten \u201eschwarzen\u201c oder \u201egrauen\u201c M\u00e4rkten tummeln sich Waffenmakler und -h\u00e4ndler. Oft genug findet ihr Tun wohlwollende oder stille Billigung von Staaten, die sich bei solchen Gesch\u00e4ften nicht die Finger verbrennen wollen. Angesichts der Verschr\u00e4nkung der Marktsegmente leuchtet der Schluss von Feinstein ein, dass die Komplexit\u00e4t des Geschehens gebietet, das Ganze der Weitergabe von R\u00fcstungsg\u00fctern in den Blick zu nehmen: Sch\u00f6nreden des Einen und Verdammen des Anderen sind nicht am Platze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Personell:<\/strong> Feinstein benennt bei seiner Darstellung des Waffenhandels klar Ross und Reiter. Er gibt dieser Welt Namen und Gesichter, die er pers\u00f6nlich kennengelernt hat. So gewinnen seine Ausf\u00fchrungen eine Farbigkeit, wie sie sonst nur Schriftsteller wie John le Carr\u00e9 mit ihren politisch-kriminalistischen Romanen erreichen. Feinstein beschreibt das Wirken von Maklern, die Anbieter und K\u00e4ufer von Waffen zusammenbringen. Er durchleuchtet die Rolle von Handelsfirmen, die etwaigen Bedarf wecken und befriedigen. Ebenso deckt er auf, wie Vermittler den Tausch von Waffen gegen Geld oder Rohstoffe bewerkstelligen. Schlie\u00dflich vergisst Feinstein nicht die Transportunternehmer, die auf verschlungenen Wegen Waffen von ihrem Ursprungsort in ein Kriegsgebiet und dann eventuell noch an weitere Pl\u00e4tze einer Verwendung schaffen. Was Feinstein hier an Intrigen, Rechtsbr\u00fcchen, Willk\u00fcr oder Bereicherung zutage f\u00f6rdert, rechtfertigt das Bild vom Waffengesch\u00e4ft als das einer \u201eR\u00e4uberh\u00f6hle\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aussichten: kein Anlass zum Optimismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch von Feinstein gibt keinen Anlass zur Hoffnung, dass die Misslichkeit des Waffenhandels je ihr Ende finden k\u00f6nnte. Feinstein identifiziert drei Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Zum einen lebt die Symbiose von R\u00fcstungswirtschaft, Milit\u00e4r und politischem Establishment vom \u201eDreht\u00fcreffekt\u201c. Damit bezieht sich der Autor auf den st\u00e4ndigen Wechsel der Akteure mitsamt ihrer Beziehungsgeflechte von einer Ebene zur anderen. Gerade in den USA sieht er die Mechanismen des \u201emilit\u00e4risch-industriell-politischen Komplexes\u201c weiter am Werk. Zum anderen haben sich in westlichen Demokratien die politischen Gewichte zugunsten der Exekutive verschoben. Der Preis daf\u00fcr ist in Form von fehlender \u00dcberwachung durch Parlamente und Justiz zu zahlen. Selbst wenn Gesetze zur Kontrolle von R\u00fcstungstransfers vorhanden sind, ist ihre Einhaltung kaum zu kontrollieren, zumal oft genug der Mantel der \u201enationalen Sicherheit\u201c \u00fcber R\u00fcstungstransfers liegt. Au\u00dferdem bl\u00fcht die Korruption. Stimmen Parlamentarier R\u00fcstungsvorhaben zu, von deren Umsetzung sie sich Geldspenden versprechen, nimmt die Bestechung gar legale Formen an. Schlie\u00dflich leistet die Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols der Schattenwelt des Waffenhandels Vorschub. Mehr und mehr \u00fcbertragen Staaten Verteidigungsaufgaben privaten Dienstleistern, ohne dass sie deren Tun steuern. Der zivilisatorische Gewinn einer staatlichen Kontrolle \u00fcber die Aus\u00fcbung von Gewalt nach Innen und Au\u00dfen f\u00e4llt der Erosion anheim. Sicherheit wandelt sich in ein Wirtschaftsgut, das \u00f6ffentlich finanziert wird. Angesichts dessen reiben sich R\u00fcstungsproduzenten und Waffenh\u00e4ndler nur die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch von Andrew Feinstein mahnt die Bundestagsabgeordneten, die den Skandalen der deutschen R\u00fcstungsausfuhren entgegentreten, sich sorgf\u00e4ltig mit seinen Befunden zu besch\u00e4ftigen. Auch \u00f6ffnet es der \u00d6ffentlichkeit erneut die Augen f\u00fcr die Abgr\u00fcnde und verh\u00e4ngnisvollen Wirkungen des R\u00fcstungshandels. Das macht die Lekt\u00fcre des Buches nicht erquicklich, aber notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>[1] Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 17\/ 181 vom 24.05.2012, S. 21545 \u2013 21554, S. 21548.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Monaten wurde viel \u00fcber R\u00fcstungsexportkontrolle nachgedacht und verhandelt. In New York, bei den Verhandlungen zu einem Arms Trade Treaty. In Europa anl\u00e4sslich des Inkrafttretens der EU-Verbringungsrichtlinie. In Deutschland, wo nicht nur \u00fcber Panzerexporte nach Saudi-Arabien, Indonesien und Katar diskutiert wird, sondern auch die Drohung einer Liberalisierung des R\u00fcstungsexportkontorllsystems im Raum steht. 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