{"id":1749,"date":"2015-07-07T14:15:00","date_gmt":"2015-07-07T12:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=1749"},"modified":"2024-07-19T15:04:17","modified_gmt":"2024-07-19T13:04:17","slug":"der-meister-des-todes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rib-ev.de\/?p=1749","title":{"rendered":"Der Meister des Todes"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Meister des Todes kommt aus Deutschland. Aus einer wohlhabenden Kleinstadt in Baden-W\u00fcrttemberg. Dort stellt der mittelst\u00e4ndische Betrieb HSW das Sturmgewehr SG38 her. Alle geh\u00f6ren zur HSW-\u201eFamilie\u201c, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und der Verkaufsleiter ebenso wie die Arbeiterin und die Nachbarn. Es lebt sich gut vom Bau von Schusswaffen aller Art.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer aber ausschert, wird kalt gestellt. So wie Peter Zierler, der das alles nicht mehr ertr\u00e4gt: die fragw\u00fcrdigen, wenn nicht rechtswidrigen Methoden der Firmenleitung, die Gleichg\u00fcltigkeit seiner Freunde und vor allem die Tatsache, dass er f\u00fcr ein Produkt wirbt, mit dem weit entfernt Oppositionelle get\u00f6tet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der exzellente Sch\u00fctze hat es mit eigenen Augen gesehen: Kaum hat er Polizisten im mexikanischen Bundesstaat Guerrero an dem Gewehr eingelernt, setzen die Beamten die Waffe gegen Studenten ein. Zwei Menschen sterben. Der \u201eMeister des Todes\u201c, wie ein Friedensaktivist das SG38 gegen\u00fcber Zierler nennt, hat wieder einmal seine Aufgabe erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Sturmgewehr SG38 gibt es im wirklichen Leben nicht, ebenso wenig ein R\u00fcstungsunternehmen namens HSW. Auch Peter Zierler, dargestellt von Hanno Koffler, hat eigentlich einen anderen Namen. Dennoch erinnert der Spielfilm \u201eMeister des Todes\u201c von Regisseur Daniel Harrich an einen tats\u00e4chlichen Fall: an den illegalen Export von G36-Sturmgewehren der Waffenschmiede Heckler&amp;Koch (H&amp;K) in mexikanische Bundesstaaten, f\u00fcr die keine Exportgenehmigung vorlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Politkrimi zeigt, wie in R\u00fcstungsgesch\u00e4ften Dokumente gesch\u00f6nt, fragw\u00fcrdige Absprachen mit Politikern getroffen und Waffen in \u201everbotene\u201c Regionen geliefert werden. Zudem stellt er dar, was deutsche Gewehre in B\u00fcrgerkriegsregionen wie Guerrero anrichten. Heute wird der \u201eMeister des Todes\u201c auf dem M\u00fcnchner Filmfest erstmals aufgef\u00fchrt, im September l\u00e4uft die Gemeinschaftsproduktion von SWR, BR und ARD-Degeto im ARD-Abendprogramm.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><a><\/a>Der Film \u201eMeister des Todes\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Am 23. September 2015 l\u00e4uft er um 20.15 Uhr im Ersten. Regie: Daniel Harrich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Politkrimi d\u00fcrfte f\u00fcr allerlei Aufregung sorgen, denn Harrich arbeitet wie schon bei seinem letzten Spielfilm \u201eDer blinde Fleck\u201c \u00fcber das Oktoberfestattentat von 1980 mit Informationen, die zuvor noch nicht bekannt waren. Im Fall des M\u00fcnchner Terroranschlag f\u00fchrten die neuen Erkenntnisse dazu, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen nach 35 Jahren wieder aufgenommen hat.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der \u201eMeister des Todes\u201c greift in aktuell laufende Verfahren ein: Unter anderem ermittelt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft seit f\u00fcnf Jahren wegen des Mexiko-Deals gegen Heckler&amp;Koch. Damals hat der Friedensbewegte J\u00fcrgen Gr\u00e4sslin die Firma angezeigt. Sein Vorwurf: H&amp;K hat gegen das Au\u00dfenwirtschafts- und das Kriegswaffenkontrollgesetz versto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Harrichs Recherchen, die auf die Arbeit des Aktivisten sowie die journalistischer Kollegen aufbaut, k\u00f6nnten nun in das Stuttgarter Verfahren einflie\u00dfen. Zumal die Strafverfolger im Sommer endlich entscheiden wollen, ob sie wegen des Mexiko-Gesch\u00e4fts Anklage gegen die Waffenbauer erheben.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Publizistische Interventionen<\/h6>\n\n\n\n<p>Ein Spielfilm, der Ermittlungen beeinflusst? Das klingt ungew\u00f6hnlich, doch Harrich verf\u00fcgt \u00fcber Dokumente, die im Film inszenierte Gespr\u00e4che faktisch untermauern. Publizistische Interventionen spielen in diesem Verfahren schon immer eine zentrale Rolle. Bislang haben Journalisten und Friedensaktivisten daf\u00fcr gesorgt, dass die Ermittlungen nicht im Sande verlaufen. Nach einer SWR-Reportage durchsuchten die Staatsanw\u00e4lte 2011 den Sitz von H&amp;K in Oberndorf am Neckar.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach ver\u00f6ffentlichte die taz eine Liste des mexikanischen Verteidigungsministeriums, die bewies, dass etwa die H\u00e4lfte der ca. 10.000 gelieferten G36-Gewehre in die \u201everbotenen\u201c Bundesstaaten gelangt war. Zudem best\u00e4tigten taz-Recherchen, dass die Waffen in Guerrero bei t\u00f6dlichen Angriffen eingesetzt wurden. Zuletzt am 26. September letzten Jahres, als Polizisten und Kriminelle in der Stadt Iguala sechs Menschen t\u00f6teten und 43 Studenten verschleppten, die wahrscheinlich ermordet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Abgleich der Waffennummern best\u00e4tigte: Laut Endverbleibserkl\u00e4rung wurde keines der G36-Gewehre, das in Iguala zum Einsatz kam, nach Guerrero geliefert. Die Dokumente, mit denen das mexikanische Verteidigungsministerium den vereinbarten Verbleib der exportierten G\u00fcter nachweisen musste, waren gezielt \u201eangepasst\u201c worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier kn\u00fcpft Harrich an: Was wussten die deutschen Beh\u00f6rden \u00fcber den widerrechtlichen Verbleib der Waffen? Oder besser: Was wollten sie wissen? \u201eWir w\u00fcrden dahingehend auf Sie einwirken wollen, dass sie die Krisenstaaten in ihrer Endverbleibserkl\u00e4rung streichen\u201c, empfiehlt im Film ein Beamter des Bundesausfuhramtes den Waffenbauern. Deutlicher wird deren Kollege aus dem Bundeswirtschaftsministerium: \u201eWer wei\u00df schon, was der Mexikaner denkt oder tut.\u201c Der HSW-Verkaufsleiter, der von Heiner Lauterbach gespielt wird, wei\u00df das richtig zu interpretieren: \u201eWas die in Mexiko damit machen, interessiert in Berlin niemand.\u201c Er schl\u00e4gt vor, die Dokumente entsprechend anzupassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Treffen im Bundesausfuhramt, die Gespr\u00e4che in Berliner Ministerien und die Smalltalks mit hohen Milit\u00e4rs beim Empfang in der Deutschen Botschaft in Mexiko-Stadt \u2013 es sind diese fiktionalisierten Szenen, die einen Eindruck von den Absprachen zwischen R\u00fcstungsmanagern, Exportb\u00fcrokraten und Politik vermitteln. Viele der Konversationen basieren offenbar auf Originalzitaten. Sie k\u00f6nnten dazu f\u00fchren, dass neben H&amp;K-Verantwortlichen auch Exportbeamten und politische Vertreter auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts sitzen.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">\u00dcberwachung von Journalisten<\/h6>\n\n\n\n<p>Dass die Firma \u00fcber beste Kontakte in die Regierung verf\u00fcgt, best\u00e4tigten auch j\u00fcngst bekannt gewordene Versuche des Unternehmens, \u00fcber das Verteidigungsministeriums den Milit\u00e4rischen Abschirmdienst zur \u00dcberwachung von JournalistInnen einzuspannen, die kritisch \u00fcber H&amp;K berichten. Interne Dokumente des Ministeriums, die der taz vorliegen, legen dar\u00fcber hinaus nahe, dass politische Beamte die Waffenbauer protegieren. So wiesen Berichte aus Afghanistan und interne Untersuchungen immer wieder auf Qualit\u00e4tsm\u00e4ngel beim G36 hin, die von hochrangigen Mitarbeitern jahrelang heruntergespielt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier korrupte Absprachen in Berliner Ministerien, auf Schwarzw\u00e4lder Bierfesten oder in mexikanischen Kasernen, da tote Studenten und eine an der Gewalt verzweifelnde Bev\u00f6lkerung \u2013 Harrich vereint die widerlichsten Aspekte des deutschen Waffenexports in einem Film, der wegen seiner relativen N\u00e4he zur Realit\u00e4t durchweg spannend bleibt. Zwei seiner Protagonisten entwickeln sich zu tragischen Figuren, die von der \u201eFamilie\u201c versto\u00dfen werden. Sch\u00fctze Zierler wird in seiner Heimatstadt terrorisiert, weil er f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung der kriminellen Machenschaften von HSW sorgt, Verkaufsleiter Stengele wird von seinen Vorgesetzten ausgetrickst.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben fast wie im richtigen Leben: Da gilt ein ausgestiegener Waffenexperte, der einst Kunden in aller Welt die Vorz\u00fcge des G36 nahebrachte, als Kronzeuge im Stuttgarter Verfahren. Und ein Handelsbeauftragter wird gek\u00fcndigt, weil die Firmenleitung ihn f\u00fcr den Mexiko-Deal verantwortlich machen wollen, um sich selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt die Frage, warum nur illegale R\u00fcstungsgesch\u00e4fte den Stoff f\u00fcr solche Politkrimis liefern. Auch mit den legal nach Mexiko gelieferten Waffen gehen Polizisten und Killer der Mafia gegen Studenten, Kleinbauern oder Indigene vor. Genau heute vor einem Jahr ver\u00fcbten Soldaten unweit von Mexiko-Stadt ein Massaker, bei dem mindestens elf unbewaffnete Menschen hingerichtet wurden. Mit im Einsatz waren Sturmgewehre vom Typ G3, dem Vorg\u00e4nger des G36. Die Waffe wurde lange in Mexiko produziert. H&amp;K verdiente mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit freundlicher genehmigung von <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Wolf-Dieter-Vogel\/!a295\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wolf Dieter Vogel<\/a>, Lesen Sie den Artikel auch <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5207485\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Meister des Todes kommt aus Deutschland. Aus einer wohlhabenden Kleinstadt in Baden-W\u00fcrttemberg. Dort stellt der mittelst\u00e4ndische Betrieb HSW das Sturmgewehr SG38 her. Alle geh\u00f6ren zur HSW-\u201eFamilie\u201c, der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und der Verkaufsleiter ebenso wie die Arbeiterin und die Nachbarn. Es lebt sich gut vom Bau von Schusswaffen aller Art. Wer aber ausschert, wird kalt gestellt. 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